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Maren Ade

Maren Ade

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Maren Ade gewann mit ihrem zweiten Spielfilm »Alle Anderen« den Silbernen Bären auf der 59sten Berlinale. Das folgende Interview entstand 2006, nachdem sie mit ihrem Debüt »Der Wald vor lauter Bäumen« den Spezialpreis der Jury auf dem Sundance Filmfestival gewann und für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde.

Ich hatte schon während meiner Schulzeit ein großes Interesse am Film, obwohl ich nie eine echte Cinephile gewesen bin. Ich bin viel ins Kino gegangen, aber eher wahllos, und habe mit einem sehr aufgeladenen Drehbuch und einer Hi-8-Kamera meine Freunde traktiert. Nach dem Abitur bin ich mit dem Wunsch, Filmregie zu studieren nach München gezogen. Ich habe zwei Jahre bei verschiedenen Filmen als Praktikantin mitgearbeitet, bevor ich mein Studium im Fach Produktion und Medienwirtschaft begonnen haben. Produzentin zu werden erschien mir auf einmal interessant, vielleicht hat mich aber auch nur der Mut verlassen, mich für Regie zu bewerben. Während des Studiums habe ich dann selbst einen Kurzfilm gemacht und konnte darau∞in in die Regieklasse wechseln.

Die Firma Komplizenfilm haben meine Freundin und Kommilitonin Janine Jackowski und ich während des Studiums gegründet. Wir haben einige Kurzfilme und dann gemeinsam meinen ersten Spielfilm »Der Wald vor lauter Bäumen« produziert. Gerade haben wir unseren zweiten Langspielfilm »Hotel Very Welcome« fertig gestellt und drehen im Sommer meinen zweiten Spielfilm »Alle Anderen«. Nicht nur der Wunsch, unabhängiger bei meinen eigenen Filmen zu sein, sondern auch der Spaß daran, bei Filmen von anderen Regisseuren beteiligt zu sein, einen intensiveren Austausch zu haben, hat mich dazu bewogen unsere zarte Firmenidee weiterzuverfolgen. Zudem will ich auch nicht dem Druck ausgesetzt sein, sofort wieder selbst etwas schreiben zu müssen. Als ich nach meinem ersten Film etwas ratlos war, war es für mich erleichternd und eine Bereicherung einen Film mitzuproduzieren.

»Hotel Very Welcome«, ist der erste Langfilm von Sonja Heiss, welche mit uns in München studiert hat – ein Spielfilm mit dokumentarischen Elementen. Sie hat vier fiktionale Geschichten in den Kontext einer echten Reise gesetzt. Mehrere Monate hat sie mit einem kleinen Team, vier Schauspielern und einem Laien auf einer Reise durch Asien begleitet. Entstanden ist ein besonderer Film, der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen lässt und das Bild einer Generation von westlichen Individualtouristen zeichnet, die hoffen in Asien von sich selbst erlöst zu werden. Der Film wird auf der Berlinale Premiere haben.

Parallel dazu habe ich angefangen, an meinem neuen Drehbuch zu arbeiten, welches nach fast zwei Jahren endlich fertig ist. In meinen Filmen entwickeln sich die Geschichten aus den Figuren. So steht am Anfang einer Idee meistens eine Figur oder eine Figurenkonstellation, an der ich zu arbeiten beginne. Ich entdecke eine Spur, der ich folge, daraus entwickelt sich dann eine Geschichte, in die ich mich dann weiter hinein grabe. Wenn ich mein erstes Treatment mit dem jetzigen Drehbuch vergleiche, stimmt zwar die Grundkonstellation – aber die Geschichte und vor allem das Thema haben sich sehr verändert. Im Prinzip finde ich erst während des Schreibens heraus, was ich erzählen will. Ich kann mich nicht hinsetzen und mir das vorher überlegen. Während dieser Zeit ziehe ich viel aus meinem Umfeld, aus dem, was mich umgibt. Ich kann nicht über etwas schreiben, das ich gar nicht kenne. Ich brauche ein persönliches, ein emotionales Wissen über mein Thema, über die Figuren.

Zum einen möchte ich Filme machen, die nicht dem Druck ausgesetzt sind, ein breites Publikum ins Kino ziehen zu müssen, anderseits wünsche ich mir viel mehr Zuschauer für unsere Filme. Für »Der Wald vor lauter Bäumen« war es schwer, überhaupt einen Verleih zu finden. Bei meinem neuen Film haben wir das Glück, gleich mit einem Verleih zusammenzuarbeiten. Das war für die Finanzierung des Films sehr wichtig. Ich selbst kann mich nur davon frei machen an Zuschauerzahlen zu denken, wenn ich einen glaubwürdigen Film machen will. Bleibt mir weiter, auf ein neugieriges, interessiertes Publikum zu hoffen.

Generell freue ich mich zur „Berliner Schule“ dazugezählt zu werden, da ich deren Filme sehr schätze. Mittlerweile wurde der Begriff in so unterschiedlichem Kontext verwendet, dass es scheinbar nicht mehr nur darum geht, eine filmische Stilrichtung zu beschreiben. Ich glaube aber, der Begriff macht trotzdem Sinn als Überschrift für ein anderes Kino, das sich vom deutschen Mainstream absetzt. Entscheidend für mich persönlich ist, dass es verschiedene freundschaftliche Verbindungen zu Henner Winckler, Ulrich Köhler, Valeska Grisebach, Christoph Hochhäusler und Benjamin Heisenberg gibt. Was mich daran interessiert ist ein inhaltlicher Austausch mit anderen Regisseuren. Ich glaube, man kann keine guten Filme machen, ohne sich offener Kritik auszusetzen.

Simon Chappuzeau & Max Dax, 2007-02-01

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