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Nick Niemann

Nick Niemann

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Nick Niemann, 36, ist Regisseur und Autor. Für seinen Werbespot »Kolibri« wurde er mit dem ADC-Preis ausgezeichnet.

Wenn man irgendwo anfängt, muss das Vorangegangene abgeschlossen sein, im Leben, in Liebesbeziehungen und beim Film genauso. Jeder einzelne Schritt in einem Projekt muss eine neue Ebene erreichen, damit man an Projekten parallel arbeiten kann, ohne den Überblick zu verlieren. Denn das Filmemachen insgesamt ist ein endloser Prozess, der immer neue Herausforderungen birgt.

Ich persönlich möchte Geschichten erzählen. Ich möchte Filme über Liebe und Schmerzen drehen, über Freude und Leid – und wie sich diese Stimmungen gegenseitig zum Schluss ausgleichen. Auf alle Fälle scheint das mein Thema zu sein. Die Idee des Ausgleichs ist Teil meines Charakters. Denn das Leben ist wie eine Irrfahrt, auf der man sonnige und regnerische Tage erlebt.

Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich denke in Möglichkeiten, nicht in Beschränkungen. Daher glaube ich, dass es immer den Lichtblick gibt, der einen aus dem Tief herausziehen kann. Man weiß im Vorfeld meist nie, wo die Möglichkeiten verborgen liegen, man muss nach ihnen suchen. Diese Suche kann man als eine große Chance ansehen. Z.B. wenn sie dazu führt, dass man, an einem anderen Ort als erwartet ankommt, dann ist das per se die Reise wert gewesen. Filme, die eine solche Reise beschreiben, interessieren mich. Denn egal, was den Figuren passiert – ihre Erlebnisse haben einen Platz im Leben.

Es gibt meiner Meinung nach eine zweite Ebene von Realität in Geschichten. Diese Ebene ist nicht sofort erkennbar, aber sie ist die eigentliche emotionale Wahrheit. Den Zuschauer dorthin zu führen, möchte ich als meine Mission beim Filmemachen sehen. In diesem Sinne sind Figuren immer ein Glück, denn durch sie kann ich von dieser zweiten Ebene berichten.

Das, wenn man so will, ist meine positive Botschaft, die ich aus jeder Geschichte und aus jeder Figur, die in meinen Filmen auftaucht, herauszuarbeiten versuche. Die Figuren, die in meinen Geschichten auftauchen, haben in sich immer eine Ebene angelegt, in welcher sie ihr Glück finden oder scheitern können.

Bevor ich Filmemacher wurde, habe ich an einem Roman geschrieben. Heute sage ich: Im Film kann ich die Ebenen der Emotionalität besser bedienen. Es entstehen Situationen, die aus nichts anderem als aus Gefühl bestehen. Solche Momente lassen sich nicht nur auf Schauspielführung oder das Einsetzen von Musik reduzieren – sondern ich entdecke in dem Hauptdarsteller auch einen Teil von mir selbst. Diese Echtheit ist es, die ich suche und dem Zuschauer zeigen möchte.

Ich drehe auch Werbung – und sehe darin keinen Widerspruch zu meiner Tätigkeit als Spielfilmregisseur. Mein Werbefilm »Kolibri« für den Kunden DHL ist vom Art Directors Club Deutschland sogar in zwei Kategorien mit Silber und Bronze prämiert worden und auch international in einigen Festivals mit Nominierungen und Preisen anerkannt worden. Es war dabei interessant zu sehen, dass sowohl die Agentur als auch der Kunde diesen Film zunächst als kleinen, fast lästigen Fleißauftrag angesehen haben. Namhafte Regisseure hatten bereits abgelehnt, dann wurde ich angefragt. Aus Versehen gewissermaßen. Ich habe diese Fügung als Chance begriffen.

Eine Drehbuchidee, die g——erade weiterentwickelt wird, hat die Unsicherheit der Menschen in wirklichen zwischenmenschlichen Kontakt zu treten zum Thema. Anhand einer Vater-Sohn-Geschichte wird die Entfremdung multipelvernetzter Menschen zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen erzählt. Für dieses Projekt werde ich eine neuartige Idee zur Filmfinanzierung umsetzen, allerdings muss das Startkapital noch aufgebracht werden.

Mein Anspruch ans Filmemachen ist immer wieder der gleiche: Ich möchte liebevoll Geschichten erzählen können. Ob es sich nun um Spielfilme oder Werbefilme handelt, ist dabei fast egal. Jeder Film ist in meinen Augen eine Chance. Jedes Genre, ob Werbung, Spielfilm oder Dokumentarfilm funktioniert nach seinen eigenen Regeln. Und weil das so ist – und ich die Regeln kenne – muss ich mich bei der Umsetzung der Projekte auch nicht verbiegen.

Filmemachen ist in diesem Sinne für mich keine Genrefrage. Das einzige Genre, das mich bisher eher abgeschreckt hat, ist der Dokumentarfilm. Damit man mich nicht falsch versteht: Ich mag gute Dokumentarfilme. Aber das Gesetz des Dokumentarfilms, wenn man eine dichte, echte Geschichte erzählen will, lautet nun einmal, dass man einem realen Menschen in dessen reales Leben folgt. Vor allem an für den Protagonisten unangenehmen Stellen muss ich hartnäckig bleiben, damit der Dokumentarfilm glaubwürdig ist. Diese Situation ist mir unangenehm, deshalb habe ich mich dafür entschieden, fortan keine Dokumentarfilme mehr zu drehen. Im Spielfilm hingegen geht das problemlos. Da spielt ein Schauspieler diese unangenehmen Stellen. Da gibt es einen klaren Deal zwischen Schauspieler und Regisseur.

Vielleicht hilft mir bei meiner Arbeit, dass ich ganz klare innere Richtlinien habe, an denen ich mich festhalten kann. Nach dem Mauerfall, als die Bundeswehr versucht hat, auch die 20-Jährigen aus Berlin zu ziehen, war mir klar, dass ich im Falle der Einberufung total verweigern würde. Auch der Zivildienst kam für mich nicht in Frage, da auch die Zivildienstleistenden im Kriegsfalle noch als Sanitäter eingesetzt werden können. Meine Entscheidung stand fest, nötigenfalls auch ins Gefängnis zu gehen, glücklicherweise wurde ich vom Kreiswehrersatzamt übersehen.

Dilemmasituationen entstehen eigentlich immer dann, wenn ich nicht genug Geld habe Projekte nur nach dem Inhalt auszuwählen. In solchen Fällen halte ich es so, dass ich darauf achte, dass jeder einzelne, kleine Schritt, den ich gehe, für mich vertretbar ist. Denn bisher war es dann doch immer so, dass die Summe vieler richtiger kleiner Schritte am Ende auch zu Ergebnissen geführt hat, zu denen ich stehen konnte.

Filmemachen ist für mich die schönste Kunstform, da ich mich auf so vielen Ebenen ausdrücken kann. Die Frage ist immer nur: Wieviel traue ich mir selber zu?

Die Geburt meines Sohnes vor einem halben Jahr gibt mir noch mehr familiären Halt und bildet so ein gesundes Gegengewicht für die unstete Auftragslage als Regisseur. Auch die Welt in der Perspektive dieses natürlich positiven unvoreingenommenen Wesens mitzuerleben, sensibilisiert mich neu für alle Menschen und Situationen, die mich umgeben. Unerwarteter Weise wurde ich kürzlich als Theaterregisseur angefragt, ich bin sehr gespannt, wohin mich die Reise als Regisseur noch bringen wird.

Wenn ich eine Geschichte erzählen will, dann gibt es für mich keine Hindernisse die mich davon abhalten könnten. Z.B. Schlechte Witterungsverhältnisse bei einem Road Movie können die starke Geschichte nicht zunichte machen. Wenn man weiß, wo man hin will, hat man auch die Kraft, dieses Ziel zu erreichen. Das ist aber in jeder künstlerischen Arbeit der Fall.

Mir helfen dabei mein privates und geschäftliches Umfeld. Ich habe es mir angewöhnt, Entscheidungen, die ich zu fällen beabsichtige, in meinem Umfeld zur Disposition zu stellen. Deshalb würde ich sagen: Den großen Schlüssel zum Filmemachen sehe ich darin, dass man weiß, wen man fragen muss. Dass man sich eben nicht einredet, der omnipotente, multifunktionale Mensch zu sein, der immer in dem Typus des deutschen Autorenfilmers vorausgesetzt wird. Ich will vielleicht gar nicht das Drehbuch schreiben. Und ich will vielleicht auch nicht der Kameramann meines eigenen Films sein. Vielleicht darf ich einfach nur der Regisseur sein.

Simon Chappuzeau & Max Dax, 2008-09-18

Erschienen in The Second Issue

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