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Schiwago Filmproduktion

Martin Lehwald, Jahrgang 1965, studierte unter anderem Germanistik, Publizistik und Philosophie in Düsseldorf, Graz und Berlin. Nach diversen Praktika im Filmbereich arbeitete er für zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen etwa als Aufnahmeleiter, Produktionsleiter, Herstellungsleiter und Produzent.
Im Jahr 2000 gründete er die Produktionsfirma Schiwago Film GmbH. Als deren Geschäftsführer ist er für die Akquirierung, Entwicklung und dramaturgische Begleitung der anstehenden und in Finanzierung befindlichen Projekte zuständig. Bislang hat die Firma 16 abendfüllende TV-Filme hergestellt, z. B. den historischen Zweiteiler “Die Frau des Sizilianers” unter der Regie von Joseph Vilsmaier oder „Rose unter Dornen“ mit Heinz Hoenig und Sonja Kirchberger.

Die Redakteure schütteln bei ihm mitunter nur verständnislos den Kopf. Mal ist er bei schnulzigen Fernsehfilmen wie „Vera, die Frau des Sizilianers“ dabei, dann sind es wieder schräge Low-Budget-Kinoideen á la „Muxmäuschenstill“, das nächste Mal eine Literaturverfilmung von Taboris „Mein Kampf“. Er ist schwer zu fassen, kaum einzuordnen, dieser Berliner Produzent. Wider Erwarten war „Muxmäuschenstill“ ein Knaller – warum zur Hölle aber will der Typ jetzt einen italienischen Film mit einem deutschen Regisseur machen, als deutscher Produzent?

Martin Lehwald lässt sich nicht beirren. Er weiß, dass er für jedes Projekt wieder kämpfen muss – trotz des Türöffners „Mux“, trotz seines renommierten Standes mit „Schiwagofilm“. In seiner ruhigen Stimme liegt Zufriedenheit, die ihn nicht am Tatendrang hindert. Bevor er ein Projekt aufgibt, setzt er sich selbst in den Schnittraum und macht weiter. Er ist jemand, der nichts lieber tun würde als das, was er macht. Jemand, der nach eigener Aussage „morgens zum Spielen geht und abends vom Spielen nach hause kommt“. Der Workaholic weist eine fast lebenslange Fernseh-Filmographie vor – keine Woche hat er sitzen können ohne zu arbeiten, gibt der Vierzigjährige zu.

Risikobereiter Quereinsteiger

1990 bewarb er sich an einer Filmhochschule und wurde nicht genommen. Eine Investition in jemanden, der zwei geisteswissenschaftliche Studiengänge abgebrochen hatte, war der Schule zu riskant. Dann querbeet, sagte sich der Risikofreudige, blieb seinem Wunsch und Berlin treu, letzterem zwar wegen einer Frau, aber sein Selbstbewusstsein wurde belohnt: Das vergebliche Warten im Büro einer Freundin endete mit der Einladung vom Produktionsleiter zu einem Bier. Die weitere Einladung, bei einem Dokumentarfilm zu helfen, ließ sich der Wahlberliner nicht zweimal geben.
Einen Fuß in der Tür aber heißt noch gar nichts – als „alter Linker“ mit Hang zur Selbstausbeutung war sich Lehwald jedoch für nichts zu schade, nahm mit, was er kriegen konnte. In den vergangenen 16 Jahren machte er so ungefähr jeden Job, den es beim Film gibt. „Früher bin ich bei den Drehs immer mit meinem Wohnmobil mitgefahren, weil billige Leute mit Unterkunft vor Ort gebraucht wurden“, erzählt der Quereinsteiger.
Den Anspruch, zu Lernen und Verantwortung zu tragen, haben die halbwissende Einsteiger heutzutage nicht mehr, meint er. Ihm dagegen kann am Set niemand „Blödsinn erzählen“ – Lehwald weiß selbst, wie’s geht. Mit 26 Jahren hatte er seine erste Produktionsleitung inne, machte Serien, Kinderfilme, Kleines Fernsehspiel. Dann ging er zu einer großen Firma, behauptete: „ich kann das“ und war drin – in einer unübersichtlichen Maschinerie.

Vieles blieb in ebensolchem Apparat stecken, er selbst blieb als Exekutive immer in Unkenntnis der genauen Zahlen. „So kann man nicht sagen: okay, ich butter da jetzt was rein, das braucht die Geschichte, das sehe ich ein“, beanstandet er. Als „übergriffig“ bezeichnet er sich mittlerweile, als einen Produzenten, der sich stark inhaltlich einmischt.

Lehwald ergriff die Möglichkeit zur Flucht, als eine befreundete Wiener Produktionsfirma ihn um einen weiteren gemeinsamen Dreh in Berlin bat. Er gab sein Okay – aber nur unter der Bedingung der Durchführung über die eigene Produktionsfirma. So entstand die Schiwago Produktion und mit ihr Lehwalds erster Film für die ARD im Jahre 2000. Drauf folgten in gleicher Konstellation nahtlos sechs Teile des „Pfundskerls“ mit Ottfried Fischer in Hamburg. Der zweite Fuß war in der Tür.

Mit Rock`n Roll – Konzept ins Kino

Vom kommerziellen Fernsehen zum artifiziellen Kino jedoch kam er erst drei Jahre später, durch das Demoband eines Kameramanns mit dem Kurzfilm „Muxmäuschenstill“. Die Geschichte, der Humor, die Figur gefiel dem Produzenten. Mit dem Autor Jan Henrik Stahlberg entstand ein Langfilm daraus – eines der innovativsten und riskantesten Projekte des Jahres 2004 in Deutschland. Mehr als einen Festivalerfolg und eine gute Arthouse-Reputation erwartete jedoch erstmal niemand, bei der stacheligen Geschichte, die keine Förderer fand. „Das war ein Rock’n Roll – Konzept – da blieb eigentlich nur diese Produktionsweise, unabhängig von der fehlenden Förderung und des Senders“, erklärt Lehwald den zahlreichen Nachahmungstätern, die daraufhin „ihre Omas angepumpten, da sie glaubten, sie könnten schnell mal einen 90-Minüter machen“.

Der schnelle, rauschhafte Dreh im Neuner-Team ermöglichte Beweglichkeit, Wildheit, Autonomie, Anarchie. „Du drehst, bist wieder weg, brauchst keine Absperrung, musst dir nix genehmigen lassen“ – der „alte Linke“ Lehwald mag es gesellschaftskritisch, schräg, politisch. Mit der Stadt Berlin wollte er es sich allerdings nicht verscherzen und drehte teilweise außerhalb, obwohl es im Nachhinein fast doch Probleme gab: ein Mitarbeiter der Pressestelle der BVG sah den Film und recherchierte, ob es eine Genehmigung für die U-Bahn gegeben hatte. Trotz nachgewiesener Illegalität kein Nachspiel – „Schwein gehabt“.

Für den Produzenten geht es bei „Muxmäuschenstill“ aber vor allem um die deutsche Identität, um die Gesellschaft, von der Mux eine Bestandsaufnahme macht und scheitert – wiederum eine Bestandsaufnahme. Und vor allem: eine Bestandsaufnahme des State of the Art der zweiten Identität von Martin Lehwald.

Überzeugungsarbeit und Selbstausbeutung

Das aktuelle Projekt „Bye bye Berlusconi“ behandelt wieder die gesellschaftlichen Missstände der Gegenwart. Die Geschichte sieht Lehwald als eine Allegorie über die Zustände in allen westlichen Industrienationen, über die Machtkonzentration der Medien, die Undurchdringbarkeit von politischen Apparaten. Dennoch fühlen die Italiener sich von der Politsatire aus dem Ausland „angepisst“. Der Medienanwalt Dr. Schertz brachte vorher in Erfahrung, was Silvio Berlusconi gegen das Projekt unternehmen könnte. Im Falle eines Verbotes glaubt Lehwald z. b. an ein Vertrieb übers Internet, und meint: „Ich bin bereit, ziemlich weit zu gehen – vielleicht darf ich irgendwann nicht mehr nach Italien einreisen, aber das ist mir egal.“

Klappe, die zweite zum weiteren Rock’n Roll – Dreh: Wollte man aus „Mux“ lernen und in der Finanzierung nicht auf das Ersparte zurück greifen, musste bei „Berlusconi“ schließlich u. a. das Mux-Preisgeld des BKM dran glauben. Das „Verfallsdatum“ des Films, die Wahlen im April, erforderten schnelles Handeln vom in Genua sitzenden Lehwald. Mit etwas Glück, konnte er am Jahresende die noch übrig gebliebene Gelder des Hessischen Rundfunks ergattern. „Mux ist zwar eine Referenz für das Buch, aber Stahlberg hat schließlich noch keine Regie gemacht“, erklärt Lehwald die Schwierigkeit des Überzeugens.

Das Erfolgsrezept des Film-Missionars ist seine Glaubwürdigkeit – er lebt das Engagement und die Selbstausbeutung, die er von anderen fordert. „Ich kann nicht mit nem Mercedes durch die Gegend fahren und am Sony Center mein Büro haben und dann von Leuten verlangen, dass sie Dinge umsonst machen“, sagt er. In Italien ernährte sich das Team durch Essenscoupons der Gewerkschaften, bekam von der Kirche ein Behindertenmobil und Wärmekleidung von einem linken Pfarrer – nach dem Film waren alle krank vor Erschöpfung. So ist es für Lehwald mehr als angenehm, regelmäßig budgetierte Fernsehfilme mit einer 7,2 Millionen Zuschauer – Quote zu machen – nicht zu letzt, weil seine Mutter dann wieder mit ihm redet. „Die liebt solche Filme wie Rose unter Dornen“, sagt Lehwald. Als seine Eltern die Produktion mit Heinz Hoenig im Weihnachtsprogramm sahen, nahmen sie erstmals wahr, was der Sohn so treibt – ein Adelsschlag. Weiterhin uneitel, gibt es für den leidenschaftlichen Produzenten auch keinen Sender, mit dem er nicht arbeiten würde. Die geschäftliche Größe von Ziegler, der NFP oder anderer freier Großproduzenten aber widerstrebt ihm, trotz eines weiteren Büros in NRW. Sein Partner Michal Pokorny und vier weitere Mitarbeiter sind genug im Kreuzberger Büro.

Mehr Partnerschaften für die Berliner Branche

Der gebürtige Nordrheinwestfale ist mit Vorurteilen gegen Großstädter aufgewachsen, sieht in der Metropole eine gegenseitige Entkräftung, aber mag an Berlin das Unaufgesetzte, die Selbstverständlichkeit des Filmberufs. „Es ist nicht toll, beim Film zu sein, es ist toll, Filme zu machen“, sagt er. An der Branche stört ihn nur, dass er die Kollegen einmal im Jahr auf der Berlinale oder auf dem Medienboard-Empfang trifft, dann verschwinden alle, auch er, wieder in den Untergrund. Trotz Aversion lobt er sich da die bayrische Mentalität, „wo in München die Geschäfte abends im Wirtshaus gemacht werden“. Er wünscht sich ein Forum zum Austausch über Produktionen, würde seine Kontakte gerne teilen.

Auch für seinen Regie-Erstling ist Unterstützung nötig, da hat er sich nämlich einiges vorgenommen und weiß um das alte Spiel: „Wenn ich jetzt dann mal die Unverschämtheit besitze, in den Redaktionen zu fragen, ob sie meinen Erstling machen wollen, dann fragen die – haste ne Referenz, kannste wenigstens nen Kurzfilm zeigen?“ Er will aber keinen Kurzfilm machen, denn er kennt den Aufwand – dann kann er gleich einen Langfilm drehen. Aber auch ein renommierter Produzent muss als Regisseur wieder ganz von vorne anfangen, kämpfen, glauben, überzeugen.

Überzeugte Partner hat Lehwald in dem kleinen Verleih Jetfilm gefunden. Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit mit X-Filme bei „Muxmäuschenstill“, sind die Marketingstrategien für „Bye, bye, Berlusconi“ subversiver und riskanter. Dem Produktionsstandort Berlin angepasst quasi: originelles und innovatives Zeichensetzen, aus der kreativen Masse hervorstechen, Aufmerksamkeit erregen. „Berlin kann alles, Berlin macht alles, bedient jede Neigung und jedes Bedürfnis, bürgt aber, was die Kreativität angeht, die Gefahr, dass man einfach total untergeht“, sagt Martin Lehwald. Diese Gefahr aber droht ihm wohl kaum mehr. Mit „Muxmäuschenstill“ hat er sich die Etikette eines risikofreudigen Rock’n Rollers eingefangen, auch in den Redaktionen. Und nach wie vor genießt er den Spagat, in einem Moment mit den Autoren von Romantic Comedies zu telefonieren, im nächsten mit Jan Henrik Stahlberg.

Ein Untertauchen im Großstadtdschungel könnte ihm im Gegenteil eher mal ganz gelegen kommen – bei so zukünftigen unorthodoxen Projekten wie improvisierte Fiction-Drehs im Straßenland oder einer amerikanischen Superstar-Satire.

Dorothee Fesel, 2006-02-04

Erschienen in The First Issue

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