Ich stehe am Anfang meiner Karriere. Ich habe bisher vier Dokumentarfilme gedreht, Ende 2006 wurde mein Debutfilm »Ray-stap Back!« fertig, den ich gemeinsam mit Nathalie Schwarz für den SWR gedreht habe: ein Dokumentarfilm über das bewegte Leben des 62-jährigen Stepptänzers, Tanzlehrers und Choreographen Ray Lynch aus New York, der seit vielen Jahren in Stuttgart heimisch ist und dort lange Zeit die bedeutendste Tanzschule führte.
Mein Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg »Janine F.« tourte gerade erfolgreich mit dem Filmfestival Ausnahme I Zustand durch Kinos in über 70 Städten. 2004 wurde er mit dem First Steps Award ausgezeichnet, erhielt zahlreiche Nominierungen und lief 2005 auf der Berlinale in der Reihe: Perspektive Deutsches Kino.
Das Thema hatte ich mir selbst gewählt, ich wollte einen Dokumentarfilm über eine Frau, genauer gesagt: eine Künstlerin drehen. Diese Einschränkung hatte ich mir selbst auferlegt, weil es mir leichter fällt mich zu entscheiden, wenn ich eine Art Zielkorridor vor Augen habe. In »Janine F.« versuche ich, das Leben einer Künstlerin zu rekonstruieren, die sich in Berlin aus dem Kunsthaus Tacheles in die Tiefe gestürzt hat – und deren Tod von Touristen zunächst für eine Kunstaktion gehalten worden ist.
Auf Janine bin ich gekommen, als ich im Internet auf einen Artikel aus dem Berliner Tagesspiegel gestoßen bin. Da hieß es reißerisch: „Junge Künstlerin aus dem Tacheles, 24, drogenabhängig, depressiv und schizophren, hat sich zu Tode gestürzt“ – und die anderen Künstler hätten diesen Tod gefilmt, aber nicht eingegriffen, obwohl sie alles gewusst haben.
Die Rekonstruktion von Janines Leben empfand ich als absolut spannend und geradezu abenteuerlich. Ich kam mir immer wieder vor wie eine Kommissarin auf Spurensuche. Jeden Tag hatte ich ein neues „Blind Date“ mit jemandem, der Janine gekannt hatte – und bin von einem zum nächsten geleitet worden. Ich war überrascht, wie offen gerade die Künstler aus dem Tacheles angesichts der Beschuldigungen waren, über den Fall zu sprechen. Für die war der Dokumentarfilm jedoch das richtige Medium, um an die tote Mitbewohnerin zu erinnern – und vieles klarzustellen, was ihrer Meinung nach in den Medien falsch berichtet worden war. Insgesamt habe ich vielleicht mit über 20 Personen geredet. Neun Interviews werden im Film verwendet. So habe ich Janines Leben wie ein Puzzle, wie ein Mosaik, aus vielen Bausteinen zusammenzusetzen versucht, wobei es interessant war, wie widersprüchlich sie teilweise von ihren unterschiedlichen Freunden beschrieben worden ist.
Im Zuge der Arbeit an »Janine F.« fiel mir auf, wie sehr ich als Dokumentarfilmer lenken kann, was gesagt wird – obwohl ich doch „die Wahrheit“ dokumentieren möchte. Ich hatte 39 Stunden Interviews, mein Film ist 80 Minuten lang. Ich hätte auch einen komplett anderen Film über Janine schneiden können. Das hat mich der Verantwortung bewusst gemacht, die ich als Dokumentarfilmerin trage.
Ich glaube daher mittlerweile, dass einen guten Dokumentarfilmer ausmacht, wenn er sich von allen Fesseln eines Treatments zu lösen imstande ist und offen bleibt für das, was unvorhergesehen passieren kann. Man muss zwar mit einem sehr konkreten Konzept starten, auch weil das heute von den Sendern gefordert wird. Ist das Treatment allerdings erst einmal abgenommen, sollte man es im Nu vergessen und reagieren auf das was passiert. Denn es passiert selten so, wie man es sich im Vorfeld erdacht hat.
Zum Dokumentarfilm bin ich quasi gezwungen worden. Ich wollte eigentlich Spielfilmregisseurin werden und habe auch meine Praktika alle bei Spielfilmproduktionsfirmen gemacht. Ich bin dann allerdings nach dem zweiten Jahr von meinen Ludwigsburger Dozenten ausgesiebt worden und stand vor der Alternative: Werbung oder Dokumentarfilm. Werbung kam für mich nicht in Frage. Ich will keine Schweinwelten zeigen, und ich will mich auch nicht in den Dienst einer Marke stellen. Ich will das Gegenteil: möglichst nahe an eine Echtheit heran kommen. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass gute Dokumentarfilme nicht nur ins Fernsehen, sondern auch ins Kino gehören. Das Klima ist positiv, auch wenn es schwierig ist, mit diesem Beruf finanziell über die Runden zu kommen.
Mit drei meiner ehemaligen Kommilitonen habe ich im Sommer 2005 die Torero Film GbR gegründet, um gemeinsam besser voranzukommen. Wir sind alle Autoren und Regisseure mit dem Ziel, die eigenen Projekte auch selbst zu produzieren. Neben dem langen Dokumentarfilm entwickeln wir auch andere, spannende Formate und sind positiv gespannt, wie wir uns 2007 entwickeln werden.