Köhler Ich habe das Kino erst relativ spät während meines Kunststudiums in Frankreich entdeckt: moderne Klassiker wie Cassavetes, Antonioni, Rossellini und Bergmann. Ein Schlüsselerlebnis war vielleicht »Passion« von Jean-Luc Godard. Das Au-rechen der narrativen Form, die Freiheit, die er seinen Zuschauern lässt, so etwas hatte ich noch nie gesehen.
Schuld daran waren ein „progressives“ Elternhaus ohne Fernseher und eine Kindheit in der Provinz. Wenn mich mal jemand in ein 20 Kilometer entferntes Kino mitgenommen hat, dann habe ich Filme wie »Ghandi«, »Männer« oder »Police Academy 3« gesehen – »Männer« übrigens gleich drei Mal. Vielleicht habe ich auch mal einen Fassbinder-Film gesehen, nachdem meine Eltern sich zur WM 86 endlich einen Fernseher gekauft haben. Das erinnere ich nicht so genau.
Es hat also eine Weile gedauert bis ich begriffen hatte, dass Film eine Form künstlerischen Ausdrucks sein kann. Das Kino wurde zu einem zentralen Ort in meinem Leben – ein dunkler Raum, in dem ich viele Stunden verbringe, und den ich verlassen kann, wann ich will. So bescheren mir auch schlechte Filme noch ein Gefühl von Freiheit und Glück. Das vorzeitige Verlassen des Kinos ist im Gegensatz zum Abschalten oder Zappen beim Fernsehen eine echte emotionale Erfahrung. Das beruhigt mich auch in Hinblick auf meine eigenen Filme: niemand muss 90 Minuten sitzen bleiben.
Nach zwei Jahren Frankreich zwang mich mein Zivildienst zurück nach Deutschland. Ich bin in Hamburg geblieben und habe Philosophie studiert. So ganz und gar wollte ich mich nicht der Theorie verschreiben, habe Super-8-Filme gedreht und bin darüber an die Kunsthochschule in Hamburg geraten. Damals wäre es mir nie in den Sinn gekommen fiktionale, narrative Filme zu machen. Ich habe mich eher als Einzeltäter gesehen. Die Vorstellung, mit einem großen Team einen abendfüllenden Kinofilm zu drehen, war absurd. Es kommt mir noch heute absurd vor, wenn ich an meinem Rechner sitze und mühsam einen Buchstaben hinter den anderen setze, dass dieser Vorgang irgendwann dazu führen soll, dass 30 oder mehr Leute monatelang daran arbeiten werden, das gerade Geschriebene umzusetzen. Rückblickend stelle ich fest, dass ich mich von Kurzfilm zu Kurzfilm immer stärker auf das Erzählkino zubewegt habe. Und der Aufwand ist auch jedes Mal gewachsen.
Wahrscheinlich war mir das Erzählen doch nicht so fremd. Ich habe viel gelesen in meiner Jugend. Und das ist auch nach wie vor so. Vielleicht war Literatur sogar prägender als das Kino. Wäre ich nicht so ein mittelmäßiger und fauler Autor, ich wäre sicherlich gerne Schriftsteller geworden. Da werden im Entstehungsprozess weniger Menschen in Mitleidenschaft gezogen.
Ich will in erster Linie Filme machen, die ich selbst gerne sehen würde – und mein Interesse gilt persönlichen, künstlerischen Filmen. Die Filmemacher, die ich schätze, sind sich als Autoren treu geblieben und haben nicht versucht, vermeintliche Erwartungshaltungen eines Publikums zu antizipieren. Ich glaube daran, dass das, was mich interessiert, auch andere interessieren kann. Das ist für mich Respekt vor dem Publikum. Arrogant ist für mich eine Fernseh- und Unterhaltungsindustrie, die von Menschen gemacht wird, die den Rest der Menschheit für dümmer und unsensibler halten als sich selbst. Das heißt natürlich nicht, dass es auch Mainstream-Filme gibt, die ich sehr schätze.
Und das heißt auch nicht, dass ich keine Auftragsarbeit fürs Fernsehen machen oder keine Werbung drehen würde. Aber meine Filme haben bis jetzt als Eintrittskarten für eine Karriere beim »Großstadtrevier« versagt – was ich nicht ganz verstehe, ehrlich gesagt: Ich würde jemandem, der solche Filme macht wie ich, auch zutrauen konventionellere Kost zu inszenieren.
Auch Autorenfilmer müssen Kompromisse eingehen: Film ist Gruppenarbeit, und Filme wie meine entstehen unter enormen ökonomischen Zwängen. Ein Regisseur kann nicht so einfach ein Gemälde übermalen oder verwerfen wie ein bildender Künstler, er muss meist mit dem leben, was er verbrochen hat. Bei Dreharbeiten sind die Möglichkeiten zu experimentieren oder Szenen zu wiederholen stark eingeschränkt. Beim Drehbuchschreiben und Schneiden sind die Freiheiten etwas größer.
Bisher entstanden meine Filme recht konventionell, wurden auf 35mm mit mehr oder weniger normal großen Teams produziert. Ich mache mir aber keine Illusionen: Es kann durchaus sein, dass die Arbeitsbedingungen, an die ich mich gewöhnt habe, eines Tages wegfallen können. Meine Filme und viele andere Filme, die mir am Herzen liegen, sind in der gegenwärtigen Situation kommerziell nicht tragfähig. Sie sind subventionierte Kulturgüter wie das Theater und die Oper. Bloß, dass es im Filmbereich die klare Trennung zwischen U und E, zwischen Boulevard- und Staatstheater nicht gibt. Da müssen radikale Künstler wie Angela Schanelec oder Harun Farocki um die selben Töpfe kämpfen wie die Produzenten von »Werner – gekotzt wird später«. Meine Zukunft hängt also von der Politik ab – und wenn die irgendwann nur noch zu den sieben Zwergen in den Wald will, dann muss ich lernen, einfacher, weniger aufwendig zu arbeiten. Ich hoffe, ich begreife das dann als Herausforderung und nicht als Abstieg.
Ich habe keine genauen Zielvorstellungen. Ich habe nur den Wunsch, dass jeder Film interessanter wird als der letzte. Sich weiterzuentwickeln, keinen Manierismen zu verfallen und sich nicht zu wiederholen, darum geht es. Um es etwas vermessener auszudrücken: etwas zu schaffen, das so noch nicht formuliert wurde, das zumindest in bestimmten Hinsichten neu ist.
Auch wenn ich von einfacheren Produktionsbedingungen träume: Film wird immer vergleichsweise aufwendig und teuer bleiben. Neueste Entwicklungen im digitalen Bereich erlauben es zwar, auf relativ hohem Niveau billiger zu arbeiten. Aber der größte Kostenfaktor bei einem Spielfilm sind die Menschen, die daran mitarbeiten und die lassen sich nicht wegrationalisieren. Ich bewundere es sehr, wenn Kollegen wie Christoph Hochhäusler, Franz Müller, Henrike Goetz oder Sören Voigt Filme machen ohne auf öffentliche Gelder zurückzugreifen. Aber solche Filme kann jeder nur ein oder zwei Mal in seinem Leben mache. Sie können nur unter extremer Selbstausbeutung aller Beteiligten entstehen…