Interview

Antje Schlag

Ihr Name ist Programm, bei ihr geht es Schlag auf Schlag. Sie war eine der Initiatoren der Initiative „1.000 Gründe für Gerhard Schröder“, die von von vielen Prominenten, darunter Udo Lindenberg, Bernd Eichinger, Til Schweiger und Hannelore Elsner unterstützt wurde. Als Angela Merkel zur Bundeskanzlerkandidatin nominiert wurde, rief sie flugs die Internet-Initiative frauen-fragen-merkel.de ins Leben. Direkt wie immer wollte sie es genau wissen: „Wohin geht die Reise mit uns Frauen mit einer Bundeskanzlerin Angela Merkel?“

Bei aller Unterschiedlichkeit haben diese beiden Frauen etwas gemeinsam. Beide wussten die Wende und die Jahre danach als persönlichen Karrieresprung zu nutzen. Antje Schlag wuchs in den siebziger und achtziger Jahren in Berlin Prenzlauer Berg auf.

Als 1989 die Mauer fiel, entdeckte sie ihr Interesse für Film und fand schnell Zugang zur damals recht übersichtlichen Berliner Filmszene, die sich hauptsächlich im gutbürgerlichen Westbezirk Charlottenburg tummelte. Ihre ersten beruflichen Schritte machte sie im Event-Bereich. Mitte der neunziger Jahre fing sie an, für die nach Berlin gezogene Firma Senator Film im Marketing zu arbeiten.

Dazu gehörte die Präsentation großer Senator-Eigenproduktionen in Berlin. Antje Schlag organisierte Premierenfeiern zu Filmen wie »Comedian Harmonists« oder »Das kleine Arschloch«. Als Assistentin von Geschäftsführer Hanno Huth lernte sie Senator als großen Pool der deutschen Produzentenszene kennen, aus dem inzwischen Filmschaffende wie Alfred Holighaus, Gerard Meixner, Roman Paul hervorgegangen sind.

Sie erlebte die Betreuung der Künstler als „ausbaufähig“ und kam so auf die Idee, eine eigene Agentur zur Vermittlung von Schauspielern zu eröffnen. 1996 gründete sie die Agentur Charade, mit der sie junge Schauspieler, wie Bibiana Beglau, Regine Zimmermann, Nikolai Kinski und neben zwei Filmkomponisten mit Pepe Danquart auch einen Regisseur vertritt und betreut.

Antje Schlag, Ihre Schauspieleragentur Charade ist durch das weit gefächerte Profil der von Ihnen vertretenen Talente geprägt. Wie erinnern Sie Berlins Agenturlandschaft Anfang der Neunziger?

Es war eine Wüste. Anfang der Neunziger gab es sehr wenige Agenturen in der Stadt. Es war illegal, eine Schauspieleragentur zu führen ohne sich eine Erlaubnis zur Vermittlung von Schauspielern vom Arbeitsamt zu besorgen – die wiederum musste unglaublich hart errungen werden. Ich weiß noch, dass eine Kollegin seinerzeit wegen der Vermittlung von Schauspielern von der Bundesanstalt für Arbeit verklagt wurde. Erst nach und nach wurde die Möglichkeit geschaffen, eine echte Arbeitsvermittlung für Schauspieler im klassischen Sinne zu betreiben. Bis dahin wurde das von den Behörden genauso behandelt, wie die Vermittlung von Teilzeitsekretärinnen.

Und entsprechend war auch der Glamour in der lokalen Branche?

Die Agenturlandschaft war vor allem so dünn, weil es ja so schwer war, diese Arbeitserlaubnis zu bekommen. Es gab damals Kolleginnen, die diese Erlaubnis noch in den sechziger Jahren oder noch früher erhalten hatten. Ansonsten oblag das ausschließlich den Arbeitsämtern, die diese Monopolstellung nur schwer aufzugeben bereit waren. Die große Öffnung hin zu Agenturgründungen ergab sich erst, nachdem in mühsamer Kleinarbeit all die rechtlichen und gesetzlichen Zwänge aufgehoben oder zumindest gelockert worden waren. Erst danach, Anfang der neunziger Jahre, ging es dann richtig los. Zum einen über Sondergenehmigungen durch Ortsansässigkeit im Ostteil von Berlin, zum anderen mit massiven juristischem Beistand.

Wo stehen Berlin und seine Agenturenlandschaft heute?

Wenn es darum geht, eine Heimat von vielen Künstlern zu benennen, steht Berlin sicher für die Stadt mit der höchsten Schauspielerdichte. Mit wachsendem Produktionsvolumen in TV und Film, als wichtiger Medienstandort und mit dieser vielfältigen Theaterlandschaft zieht die Stadt Schauspieler regelrecht an. Auch deswegen verlegen größere Agenturen ihren Standort nach Berlin, machen in der Stadt eine Filiale auf oder gründen sich hier neu.

Wie sind Sie selbst zum Film gekommen?

Ich bin in Prenzlauer Berg in Ostberlin aufgewachsen, habe ich da schon in der Zeit vor 1989 Konzerte organisiert und Modedesigner vertreten, dadurch gab es auch immer schon Kontakte zu Künstlern im anderen Stadtteil. Ich habe erst nach dem Mauerfall angefangen, mich beruflich mit Film zu beschäftigen. Irgendwann lernte ich Alfred Holighaus kennen und als der vom Tip-Magazin zu Senator Film wechselte, fragte er mich, ob ich nicht Marketing und Veranstaltungsmanagement für Senator machen könnte. Das war mein Einstieg.

War es für Sie schwierig, im Westen Fuß zu fassen?

Ich habe einfach angefangen zu arbeiten, und dadurch sehr viele Leute wieder getroffen und kennen gelernt. Für mich war das gar nicht so, als wären das zwei verschiedene Städte; gemeinsame Pläne gab es schon und Berlin erschien mir auch dadurch schnell als Ganzes. Dadurch fiel es mir leichter, nicht so darauf zu achten, in welche Himmelsrichtung die U-Bahn fährt, ob nach Osten oder Westen.

Wie dynamisch war die Filmszene damals in Westberlin?

Ich habe damals viele getroffen, die sich in Westberlin mit Film beschäftigt haben. Sie erschienen mir wie eine eingeschworene Gemeinschaft. Das waren Leute wie Jochen von Vietinghoff oder Harry Bär. Die ganze Situation hatte für mich ein bisschen was Museales, weil große Filme wie zum Beispiel die von Rainer Werner Fassbinder aus einer anderen, sehr fernen Welt kamen. 1993 wurde dann das Medienboard gegründet, 1994 kam zum Beispiel Senator nach Berlin. Ich glaube auch unter anderem dadurch hat sich für die Stadt filmpolitisch und wirtschaftlich sehr viel getan. Neue Produktionen wurden gegründet und die alteingesessenen haben sich auch verändert. Außerdem gab es mit der Hochschule für Film- und Fernsehen (HFF) eine zweite Filmhochschule neben der dffb, diese Faktoren haben sicher zu einem hohen Maß an Dynamik beigetragen.

Das setzte eine Entwicklung in Gang, die von Jahr zu Jahr an Fahrt aufnahm. Wie haben Sie sich dieser dynamischen Situation angepasst?

Ich habe zunächst als Freiberuflerin viele Projekte für große Firmen betreut, die den Beschluss gefasst hatten, ihren Firmensitz nach Berlin zu verlegen. Für Senator, die damals von München nach Berlin gezogen sind, habe ich im Marketing gearbeitet. Wir haben es geschafft, die Firma mit dieser Stadt zu verbinden. Später gab es dann die Chance, die Arbeit, die ich dort mit den Schauspielern gemacht hatte, zu nutzen.

Sie waren dann die Person, von der man sagen kann, diese Berliner Filmwüste kultiviert zu haben…

Das wäre für einen allein wohl etwas zu harte Arbeit gewesen. Berlin hat eine unglaublich reiche filmische Entwicklungsgeschichte, die die Grundlage für soviel Bündelung an Kreativität bildet. Und jede Generation von Abgängern der Filmhochschulen, Schauspielern und eben auch Agenten prägen das Bild ein Stück neu. Als ich Charade vor acht Jahren gegründet habe, dachte ich, dass es vielleicht ein Jahr lang dauern würde bis das Geschäft läuft. Auch weil es so viele junge Gleichgesinnte gab, die mit uns angefangen haben. Aber weit gefehlt. Ich denke heute, dass Geduld, Kontinuität, Engagement und Kontaktfähigkeit die wesentlichen Komponenten in dieser Branche sind. Nur das zahlt sich auf Dauer aus, schafft Vertrauen und Kompetenz, die absoluten Grundlagen für eine Arbeit wie die, die wir als Agenten leisten.

Wie haben sie sich positioniert?

Ich hatte anfangs überhaupt keinen Schauspiel-Star. Ich vertrat zwar prominente Leute wie Nina Hagen oder Marianne Rosenberg, die jedoch eher in der Musik zu Hause sind. Die Gefahr für uns war, als Exoten nicht ernst genommen zu werden. Die Agentur hat sich dann aber durch viel Ausdauer, Empathie und die Fähigkeit Kontakte aufzubauen und vorhandene zu nutzen, sehr gut entwickelt.

Wie haben Sie Schauspieler für Ihre neue Agentur gefunden?

Wir waren ja nicht unbekannt. Wir waren neu und hatten auch dank der Musiker eine hohe Aufmerksamkeit. Wir haben Künstler angesprochen und wurden angefragt. Anfänglich war es ein sehr kleiner Stamm von nicht mehr als zehn Klienten. Uns wurde einfach geglaubt, dass es sich lohnt, von uns vertreten zu werden, es gibt immer Bedarf an guter Beratung.

Finden Sie die Initiative „Shooting Star“ hilfreich, die 1998 ins Leben gerufen wurde, um die Karrieren junger Nachwuchsschauspieler zu fördern?

Ja, natürlich. Ein Schauspieler, der als „Shooting Star“ benannt wird, ist auf dem heimischen Markt schon etabliert und eine lokale Größe. Zu den „Shooting Star“-Präsentationen auf der Berlinale werden internationale Caster und Presse eingeladen und die ausgewählten Schauspieler werden so auch in internationale Projekte geführt. Wenn ein Schauspieler bereit ist, außerhalb seines Landes etwas zu wagen, kann dies ein erster Schritt sein.

Apropos Internationalität: Die Hollywood-Produktion »Aeon Flux« wurde ausschließlich in Babelsberg gedreht. Berlin und auch die hiesigen Schauspieler werden immer mehr für internationale Filme und Märkte relevant. Woran liegt das?

Internationale Projekte werden in erster Linie hier gedreht, weil es preisgünstiger ist und sich die Projekte sonst schwerer finanzieren lassen. In Europa bestehen auch nicht diese gewerkschaftlichen Zwänge, die für die Arbeit mit Crew und Schauspieler gelten wie in USA. Außerdem ist Berlin für amerikanische Produktionen attraktiv, weil die technischen Bedingungen hier optimal sind.

Wie können sich Berliner Schauspieler in internationalen Produktionen positionieren?

Ein Schauspieler beispielsweise, den ich vertrete, hat noch zwei andere Agenten, einen englischen und einen französischen. Das ist für ihn auch sinnvoll, weil er für diese drei Märkte arbeitet und deshalb in allen drei Ländern Chancen hat. Das ist sicher der beste Weg, die entsprechenden Sprachkenntnisse voraus gesetzt, um optimal vertreten zu werden.

Warum?

Jeder arbeitet mit seinen unmittelbaren Kontakten. Es geht auch um das Wissen um die Projekte, die vor Ort entwickelt werden. Das Wichtigste ist jedoch, miteinander ins Gespräch zu kommen und das Interesse am Künstler wach zu halten. Selbst oder gerade in unserer technisierten Branche zählt der persönliche Kontakt. Ein anderer Weg ist aber auch, in den internationalen Produktionen, die in Deutschland gedreht werden, besetzt zu werden. Der Caster für große amerikanische Produktionen kommt zum Beispiel nicht her und fängt erst einmal damit an, den deutschen Markt aufzurollen. Nein, er beschäftigt einen deutschen Caster, der für ihn sucht. Und je mehr Mittel- und Osteuropa zusammenwachsen – und infolgedessen sich der Herstellungsmarkt erweitert – desto eher ist es möglich, zum Beispiel zu besetzende Rollen für den nächsten James-Bond-Film überall zu casten, weil dieser Film auch in diesen Regionen gedreht werden kann. Da spielt es keine Rolle, ob der Schauspieler aus Ungarn, Spanien oder aus Berlin kommt. Wichtig ist die Frage: Passt er? Und: Beherrscht er die Drehsprache, also meistens englisch?

Wie häufig gelingt der Sprung von Berlin in andere europäische Städte?

Das gelingt nur sehr wenigen. Nicht jeder der in Deutschland ein Star ist, hat das Format, über die hiesigen Grenzen hinaus zu berühren.

Wird die künstlerische Dimension, die Qualität der Schauspieler, dabei ausgeblendet?

Nein, im Gegenteil, das Können sollte an erster Stelle stehen. Es mutet vielleicht manchmal etwas inflationär an, wenn im Besetzungsprozess für sehr große Projekte auch sehr intensiv und lange gesucht wird. Klar ist meistens, dass für eine Rolle 50, 60 oder noch mehr Schauspieler gecastet werden. Dies vielleicht nicht in einem Land, aber zusammen gerechnet kommt man sicher auf diese Anzahl. Da gibt es zwar immer eine Chance für jeden, der eingeladen wird. Aber es ist eine kleine Chance. Man muss sehr gut sein, sich optimal vorbereiten, und auch ein bisschen gelassen damit umgehen.

Gibt es im Agenturgeschäft eine Tendenz hin zu internationalen Projekten?

Nein, nicht generell. Bei mir ergibt sich das durch die Schauspieler, die ich vertrete. Alicja Bachleda, Bettina Zimmermann, Bela B. Felsenheimer, Nikolai Kinski oder Anatole Taubman sind in der Lage, international zu arbeiten und haben dadurch viel mehr Möglichkeiten. Ich bin natürlich sehr daran interessiert, weil es spannend ist. Je weniger Scheu man davor hat, desto mehr kann man sich erhoffen.

Aber diese Entwicklung zu mehr Internationalität ist doch wesentlich durch den Standort Berlin beeinflusst.

Das stimmt, hier bekommt man die wichtigen Kontakte, gerade auch, weil in Babelsberg sehr viel gedreht wird.

Wären Hamburg, München und Köln noch möglich?

Köln eher nicht, das ist eine Fernsehstadt – obwohl es im Filmförderland NRW liegt und dort sehr viel gedreht und postproduziert wird. Hamburg verliert als Medienstadt leider immer mehr an Bedeutung. Bleibt noch München mit seiner gut positionierten Szene, das ist nach wie vor eine wichtige Filmstadt.

Wie ist das Bild von Berlin im Ausland? Ist die Stadt für Resteuropa und Amerika interessanter geworden?

Das ist recht unterschiedlich. Wenn ich in New York bin, finden die Leute es unglaublich schick, die sagen dann: „Wow, Berlin!“ Wenn man dagegen in London ist, denkt man: Ich komme aus einer unbedeutenden, mitteleuropäischen Kleinstadt. Es kommt wohl auch darauf an, wie stark die Menschen vor Ort verwurzelt sind. Ein Pariser würde wohl erst einmal seine Stadt anpreisen, aber vielleicht kommt danach auch schon Berlin. Aber die allermeisten sagen: Das ist die Stadt in Deutschland, in der man leben muss. Berlin hat auf jeden Fall eine starke Aura.

Berlin ist zu einem Drehkreuz geworden?

Ja. Aus vielen Kollegen mit denen ich angefangen habe, ist etwas geworden – und viele sitzen natürlich hier in Berlin. Es gibt auch immer wieder Anfragen aus London : „Wen würdest du als wichtigen deutschen Jungproduzenten sehen? – Würdest du mir einen Termin machen?“ Selbstverständlich wird dann angenommen, das die in Berlin ansässig sind.

Gibt es eine Aufbruchstimmung?

Das ist im Moment wieder sehr deutlich zu spüren. Erstens lief das letzte Jahr – das sage ich im Gegensatz zu vielen anderen – für den deutschen Film sehr gut. Nicht allein durch deutsche Filme, auch durch deutsche Beteiligungen an internationalen Produktionen. Und ich glaube, dass auch 2006 ein sehr gutes Jahr für den deutschen Film werden wird. Interessanter und viel mutiger als noch vor drei oder fünf Jahren. Und so sollte es jetzt endlich auch sein: Berlin ist Berlin. Und nicht: Berlin könnte werden, Berlin ist vielleicht irgendwann dieses oder jenes. Berlin ist eine bedeutende Stadt und damit muss man jetzt mal selbstbewusst umgehen.

Ist die Agentur-Konkurrenz spürbar größer geworden?

Konkurrenz gibt es immer. Sicher ist das Gedränge auf dem Filmmarkt in Berlin in den letzten Jahren etwas stärker geworden Und jeder, der eine Agentur gründen will, kann das mittlerweile ohne Auflagen tun. Der altbekannte Spruch „Konkurrenz belebt das Geschäft“ passt allerdings auch hier wieder einmal.

Schauen wir mal nach vorn: Was kommt auf Sie und Ihre Arbeit jetzt zu? Worauf freuen Sie sich?

Wir ziehen gerade in neue, besonders schöne Büroräume in Tiergarten. Das ist auch ein Zeichen für die gute Entwicklung der Agentur. Aber vor allem sind es die Schauspieler, deren Arbeiten auf der Bühne und vor der Kamera spannend sein werden. Ich hoffe sehr auf Mut und hohe Qualität bei der Entwicklung von neuen Projekten und natürlich, dass alle von mir vertretenen Schauspieler in diesen Filmen auch zu sehen sein werden. Die Zeichen dafür stehen so gut wie schon lange nicht mehr!

Simon Chappuzeau & Jakob Buhre, 2006-02-01

Erschienen in The First Issue

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