Interview

Cornelia Weiss

Cornelia Weiss

Im Stahlnetz

Verschwindet in Netzwerken die Autonomie des Werks? Werden Ideen buchstäblich zerredet – bis zur Unkenntlichkeit zerschreddert noch bevor sie das Licht des Marktes erblicken können? Oder sind Netzwerke die eigentlichen kreativen Prozesse, Vernetzung der Schlüssel zur Zukunft – der Markt als der Ort, an dem Ideen zum Vorschein kommen? Ist der Markt ein System von Chancen oder von Zwängen? Wer ist die Spinne im Netz, wir oder die anderen?

Unsere Autoren treffen sich in ausführlichen Einzelsessions mit vier Protagonisten des deutschen Films, um über mutige Anfänge und das Erreichen von Zielen, über Konflikte und Synergien zwischen Ideen und Märkten und über Netzwerke zu sprechen: Kostenmanagementmethode, Machtmittel oder Lebensphilosophie? In einer Montage werden ihre Antworten vernetzt, um Konfliktlinien und Überschneidungen zu markieren.

Georg GeorgI
Kunst hat die Aufgabe, Avantgarde zu sein – Dinge zu sehen, die andere noch nicht sehen und sie sichtbar zu machen. Ich suche nach Inspirationen, nicht nach stromlinienförmigen Produkten, ohne würde ich es nicht aushalten.

Sibylle Kurz
Ein Künstler will etwas Neues erschaffen, mit dem er etwas bewegt. Ganz gleich ob es ein Bildhauer, Schauspieler oder Musiker ist. Wenn ich ein Film-Projekt habe, brauche ich großes Durchhaltevermögen, eine Passion.

Hartmut Bitomsky
Die „Nouvelle Vague“ versuchte in den Sechzigern auf die Fragen des Filmemachens neue Antworten zu finden. Und zwar, und das ist das merkwürdige, neue Antworten, indem man sich zurückbesann auf das Kino. Es gab ja keine begeisterteren Kinogänger als die Regisseure der „Nouvelle Vague“, die oft selber auch als Filmkritiker arbeiteten.
Das Entwickeln einer neuen Form ging einher mit einer Reflexion darüber, was Filmemachen war, ist und sein könnte. Ganze Dekaden der Filmgeschichte, insbesondere der amerikanischen, musten dabei erstmal gegen Widerstände präsent gemacht werden – das waren alte Filme, aber für uns waren es Neuentdeckungen. Das ist das Interessante: Man geht nach Vorne in dem Bewusstsein, dass man auch zurück schauen muss.

Sibylle Kurz
Anfang der Achtziger haben wir als VCL versucht, Musik auf Video zu veröffentlichen, was damals relativ schwierig war, weil Video als Medium damals kaum existierte und zudem ein Schmuddel-Image hatte. Es gab auch noch kein MTV, keine Musik auf Film. Diesen Markt musten wir erst mal kreieren und uns überlegen, wie man ein Medium, das den Markt noch nicht durchdrungen hat, am beffen auswertet. Wir haben dann ganz mutig gesagt: „Wir wollen Musik auf Video!“ Und das ging dann auch.
Wir haben dann die Filme vom Filmverlag der Autoren in ein eigenes Label für den Video-Vertrieb genommen, und das war 1983 ähnlich schwierig wie Musik auf Video, weil sie viel zu intellektuell, zu intelligent waren. Das war eine Zielgruppen-Frage, denn das für diese Filme typische Kinopublikum nutzte noch keine Videoabspielgeräte. Und der typische Videonutzer schaute sich nur Action- und Pornofilme an. Aber durch die allmähliche Wandlung des Markts kamen dann bald alle Filme, die im Kino liefen, auch auf Video raus, und letztlich war die Branche 84/85 etabliert.
Steigende Filmveröffentlichungen und zunehmende Playerausstattung der Haushalte bedingten sich gegenseitig.

Cornelia Weiss
Als ich vor 13 Jahren in der Kinobranche anfing, gab es im Filmverleih noch überhaupt keine Marketing-Abteilungen. Film-Marketing-Agenturen wie uns gibt es noch nicht so lange. Man hat zwar schon lange mit externen Presseagenturen gearbeitet. Aber dass man das Marketing auslagert, ist relativ neu. Irgendwann hat man gemerkt, dass Pressearbeit und Verkauf nicht mehr reichen. Man entdeckte das lokale Marketing, später kam die Internet- Phase. Dann wurde die Akquisition von Kooperationspartnern immer wichtiger – und momentan sind die Bereiche Direktmarketing und Guerilla-Marketing sehr stark.
In den letzten Jahren vollzog sich eine ungeheure Professionalisierung des Marketings im Kinobereich. Freilich kann man einen schlechten Film nicht mit gutem Marketing gut machen.

Sibylle Kurz
Kein Mensch hätte in den Neunzigern, wenn man das alles nur unter rein marktwirtschaftlichen Kriterien diskutiert hätte oder nach verfügbaren Abspielmöglichkeiten, Sendeplätzen, Entscheidungen getroffen hätte, Filme, wie sie zum Beispiel nach den Richtlinien von Dogma entffanden sind, herausgebracht. Da hätte jeder erst mal gesagt, das geht nicht. Doch dann wurde es eben gemacht. Deshalb finde ich den Satz von Erich Kästner so schön: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“
Das ist aber leicht gesagt, weil dieses Tun nicht in einen blinden Aktionismus ausarten darf, sondern auch durchdacht sein muss. Es muss immer Strategie dabei sein, auch, wenn man etwas leidenschaftlich vertritt.

Georg GeorgI
Schauspieler trauen sich Dinge im öffentlichen Raum zu inszenieren, die sich andere nicht trauen. Davon habe ich gelernt und bin mutiger geworden und mache mir nicht mehr so viele Gedanken darüber, was andere in diesem Moment von mir und der Aktion denken könnten, weil das nur lähmt, und ich glaube, dass so schon viele große Ideen das Licht der Welt nicht erblickt haben.

Sibylle Kurz
Irgendwann manifestiert sich die Idee in einem. Es geht immer darum zu fragen, was an dieser Idee berührt mich emotional, intellektuell und in Bezug auf Werte, für die ich eintreten will. Was will ich thematisieren, was steht meiner persönlichen inneren Haltung nach – dargestellt durch den Protagonisten – im Vordergrund? Geht es ihm um Gerechtigkeit, um Zivilcourage, um das Zuhören, das sich dem anderen Menschen mit offenen Herzen zuwenden – oder worum geht es mir dabei? Was ist meine Motivation, warum will und muss ich es überhaupt machen?
Fraglos bei aller Haltung sind natürlich alle professionellen Parameter. Das bedeutet vor allem profunde Marktkenntnisse zu besitzen. Ich muss wissen, wer als ein potentieller Partner in Frage kommt, der mich in meinem Vorhaben unterπunterstützen kann? Nur so erarbeitet sich eine marktgerechte Präsentations-Strategie. Es gehen immer noch zu viele Kreative mit ihren Büchern, Geschichten, Projekten zu Leuten, die nichts damit anfangen können. Wenn wir wie in jedem Bereich unser Handwerk exquisit beherrschen, dann kann sich auch zum gegebenen Zeitpunkt Erfolg einstellen.

Georg GeorgI
Diese Gesellschaftsordnung ist nicht am selbstbestimmten Menschen interessiert. Es wird uns gesagt: Das ist der Weg, das ist der Markt, so geht’s lang. Ich suche nach Leuten, die sich etwas trauen, die mutig sind, denn das will ich auch sein. Wenn etwas falsch ist und trotzdem alle sitzen bleiben, will ich aufstehen und sagen: Nee, sehe ich nicht so. Das ist so schwer, eine Herausforderung. Ich bin ja selbst immer dabei abzuwägen, wann macht es Sinn, wann keinen, weil man sich zu viele Gegner damit schafft und die eigene Energie aufbraucht.

Sibylle Kurz
Wie wird Kommunikation wahrgenommen? Das Ziel von Kommunikation ist, kongruent und verständlich zu sein. Die Forschung weiß um deren Zusammensetzung aus den berühmten 7% verbaler Kommunikation, also dem sprachlichen Inhalt, und 93% nonverbaler Kommunikation, also dem körpersprachlichen Ausdruck. Stimmen beide Ebenen überein, entsteht beim Zuhörer/Zuschauer ein Gefühl von Glaubwürdigkeit, Professionalität und Charisma des Redners. Voraussetzung ist natürlich, dass der Inhalt dessen, was man vermitteln möchte, inhaltlich richtig, gut recherchiert und aufbereitet ist. Da wir einen Käufermarkt haben, kann natürlich nicht jeder Pitch, sei er noch so gut, zum Erfolg führen. Dem großen Angebot an Projekten stehen nicht immer genügend Budget oder Verwertungsplätze gegenüber.

Cornelia Weiss
Wir versuchen, die Beratung vom reinen Marketing-Standpunkt aus zu sehen und halten uns zurück, was dramaturgische Empfehlungen betrifft. Manchmal sind die Grenzen schwimmend, wenn wir beispielsweise sehen, dass das Ende überhaupt nicht funktioniert. In solchen Fällen ist es sinnvoll, in die Drehbuchentwicklung einzugreifen bzw. entsprechende Empfehlungen auszusprechen, aber wir gehen mit sehr viel Feingefühl und großer Transparenz an die Sache ran und halten uns sehr zurück.
Wichtig sind intensive Gespräche mit den Produzenten. Und diese merken sehr schnell, dass wir sehr inhaltlich an die jeweiligen Projekte herangehen.

Hartmut Bitomsky
Ich teile die Sorge um die Autonomie des Werks. Ich habe immer gesagt, dass die dffb keine Berufsschule ist.

Sibylle Kurz
Mir ist aufgefallen, dass vielen Leuten die Haare zu Bergen stehen, wenn sie das Wort Markt oder Marketing hören, als wäre das ein böses Wort. Der Markt wird durch uns gemacht, er ist einfach nur dazu, da benutzt zu werden, um Filme, Bücher, Kunstwerke etc. erstπeinmal sichtbar und dann rezipierbar, konsumierbar zu machen.

Hartmut Bitomsky
Der deutsche Film und seine Organisationen müssen lernen, an die Zukunft≥zu denken und sich nicht nur aufs unmittelbare Marktgeschehen fixieren. Zwei oder drei besondere Filme können immer die gegebene Situation für die nächsten Jahre ändern, und plötzlich ist das Kino in Bewegung. Da ist dann der schlecht beraten, der nur in der Kategorie von „Sehgewohnheiten“ denkt.
So wie die Filmwirtschaft immer ein Auge auf den Erfolg hat, deshalb auch auf den Verlust, muss sie auch an die Zukunft denken. Sie kommt immer anders als die Jetztzeit.

Sibylle Kurz
Ich glaube, dass Kreative automatisch Trendforscher sind. Auf einer höheren Schwingungsebene nehmen sie Entwicklungen in der Welt und der Gesellschaft wahr. Auf seine ganz eigene Weise ist der Künstler in der Lage, diese Wahrnehmungen, Ängste oder Wünsche zu artikulieren. Ich finde, das ist unter anderem auch die Bestimmung von Kunst, auf Situationen und Umstände in der ihr ganz eigenen Sprache aufmerksam zu machen. Rücken diese erst einmal ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, wie klein sie auch sein mag, kommt Bewegung ins Spiel. Das ist Leben und „Ent-Wicklung“ – kein Stillstand.

Cornelia Weiss
Ich hoffe, dass in Zukunft in Deutschland immer eine große Bandbreite an unterschiedlichen Filmen produziert wird und nicht einem bestimmten Trend oder Geschmack hinterher gerannt wird. Film ist ein Kulturgut und ein Erlebnisgut und nicht nur ein Wirtschaftsgut, und da brauchen wir immer auch Regisseure und Produzenten, die das Quäntchen Verrücktheit besitzen und die gegen jeden Strich ihr Projekt durchsetzen.

Sibylle Kurz
Neuer Deutscher Film? „Sommer vorm Balkon“, „Knallhart“ oder „Crazy“, auch „Requiem“, haben eine Berechtigung, weil sie, ähnlich wie der junge Deutsche Film in den Sechzigern, endlich wieder auf das, was uns betrifft, schauen. Die Filmemacher schauen auf unsere Mitmenschen, auf uns und sich selber, mit welchen Dilemmata im Umgang mit Werten wir dastehen, wie hilflos wir einem Machtapparat gegenüber stehen, dem man eigentlich nicht vertrauen kann.
Das beruht auf dem Bewusstsein, dass man denen, die in schwierigen Zeiten den Kopf in den Sand stecken wollen, sagt, nein, wir müssen das, was uns besorgt und beängstigt, publizieren. Wir müssen Verantwortung übernehmen. Und da sehe ich die Möglichkeit, aus dem Luxusjammertal raus zu kommen.

Cornelia Weiss
Mit dem Begriff„Neuer Deutscher Film“ oder auch „Autorenfilm“, kann ich nicht so viel anfangen. Dem Begriff „Autorenfilm“ haftet heute etwas Negatives an, das sind diese schweren, schwierigen Filme, die keiner sehen will. Damit hat man lange den deutschen Film verbunden.

Georg Georgi
Dass es so viele Problemfilme gibt und die Helden meiner Jugend alle scheinbar nicht mehr existent sind, wundert mich, weil uns doch damals, wie heute etwas Universelles mit ihnen verbunden hat, und diese Typen zeitweise mehr Einfluss auf mein Leben hatten als Lehrer und Eltern zusammen. Es gibt jede Menge deutsche Filme, die mich nerven, weil sie einfach nur okay sind, bzw. eben nicht mal das. Dann wird da oft zur Premiere auf der Bühne von der tollen Teamarbeit parliert.

Cornelia Weiss
Zurzeit entstehen wirklich interessante und exzellente deutsche Filme und dass die dann auch noch Erfolg haben, freut mich umso mehr. Die beiden letzten deutschen Filme, die mir in letzter Zeit besonders gut gefallen haben, sind beispielsweise „Sommer vorm Balkon“ von Andreas Dresen und „Komm näher“ von Vanessa Jopp.

Hartmut Bitomsky
Die wenigsten Filmstudenten schaffen es, nach dem Studium ein Oeuvre zu kreieren, und im Standort, auch in der Industrie, Fuß zu fassen. Doch selbst für die, die keine große Filmkarriere starten, hat sich das Studium für ihr späteres Berufsleben oft gelohnt.

Sibylle Kurz
Ich habe die Befürchtung, dass in Deutschland im Filmbereich momentan zu viele Menschen ausgebildet werden – für zu wenig verfügbare Stellen. Ich frage mich aber oft, für wen denn alle diese Autoren schreiben sollen, wie viele Filme inszeniert werden müssen, um alle angemessen in Lohn und Brot zu halten?

Cornelia Weiss
Ein großer Teil der deutschen Filme bleibt unter 20.000 Besuchern. Es gibt aber bereits Förderer, die umdenken. Die MDM macht die Erstellung von Marketing-Konzepten obligatorisch. Sie wollen damit fördern, dass ein Produzent sich ab einer frühen Phase auch mit der Vermarktung seines Films auseinandersetzt. Auch das Medienboard Berlin-Brandenburg hat das unter Herrn Dr. Keil ganz stark vorangetrieben und fördert die Erarbeitung von Marketingkonzepten ab Projektentwicklungsphase.

Hartmut Bitomsky
An den Autorenfilm habe ich nie geglaubt. Nach Marx und Freud kann man nicht mehr ans Individuum glauben, und damit nicht an den Autoren. Auch nach der Texttheorie nicht. Man kann nicht sagen: „Ich schreibe“, man kann sagen: „der Text schreibt durch mich hindurch“. Insofern iπ der Begriff des Netzwerks die bessere Beschreibung der Produktivität, der Zwänge auch, der Vermarktung. Das heißt mit anderen Worten, dass nicht jedes Netzwerk gleich ist. Immer schon waren die am besten vernetzt, die mit der Macht sind.

Georg Georgi
Ich komme von der kreativen Seite und denke eher in Netzwerken und an Puzzlespiele, wo ich immer nach dem fehlenden Teil suche. Ich war super inspiriert von Warhols Factory. Ich fand es super, dass aus Leuten heraus, wie aus einem Gähr-Topf, etwas entsteht. Das schwebte mir immer vor. Ich wollte immer mehr machen als nur Schauspieler vermitteln, das erfüllt mich nicht auf Dauer, nur der Dienstleister zu sein. Das Modell Factory bleibt ein Orientierungspunkt. Wir entwickeln auch immer zusammen mit einem Teil der Schauspieler Stoffe und Ideen.

Cornelia Weiss
Netzwerkarbeit heißt: flexible Teams zusammenzustellen. Man kriegt dadurch immer wieder andere, neue Impulse. Und dann ist es natürlich auch eine finanzielle Frage. Es gibt teure Agenturen und wenigerteure Agenturen. Durch Networking kann man die Kosten managen. Natürlich arbeitet man mit Agenturen zusammen, bei denen die Kommunikation am besten läuft und bei denen man gute Erfahrungen gemacht hat. Aber ich finde es wichtig, dass man immer wieder neue Agenturen ausprobiert, um neue Impulse und Erfahrungen zu bekommen.

Sibylle Kurz
Das Ziel ist, die Marktbeteiligten effektiv zu vernetzen und zu koordinieren. So lässtπ sich hoffentlich der europäische Markt stabilisieren und ausbauen. Marktkenntnis bedeutet zu wissen, wer die am Markt Beteiligten sind und wie ich sie erreiche.

Cornelia Weiss
In der Filmproduktion arbeitet man natürlich schon immer in Netzwerken und stellt sich sein Team aus freien Mitarbeitern zusammen. Im Filmverleih ist diese Vorgehensweise relativ neu. Wir haben gute Erfahrungen mit der Arbeit in Netzwerken. Das ist, denke ich, auch die Zukunft, dass man sich flexibel für jedes Projekt das geeignete Team zusammenstellt und die Overhead-Kosten spart.

Georg Georgi
Ich finde es so bescheuert, dass aus allem, was uns verbindet und Strukturen vereinfachen könnte, ein Business gemacht werden soll, dass dann eben z.B. Kontakte gewinnbringend verkauft werden, statt sie einfach anderen, die etwas Gutes wollen, zur Verfügung zu stellen. Immer aus einem Euro zwei machen ist doch eine eigentlich für sich gesehen eine völlig unlogische Sache, die nur dann Sinn macht, wenn man damit Mehrwert erzielen will…das kapitalistische Prinzip eben.

Sibylle Kurz
Ich rate oftmals jungen Autoren und Filmemachern zu bestimmten Produzenten zu gehen, weil ich durch meine mittlerweile fünfundzwanzigjährige Tätigkeit in der Branche auch viele Personen kenne. Ich rate den Kreativen, zu der einen oder anderen Firma zu gehen, aus der Überzeugung, sie könnten gut zusammenpassen. Erfreulicherweise mit einigen positiven Resultaten. Diese Vernetzungsarbeit macht viel Freude, denn ich will, dass gute Filme gemacht und gesehen werden, und Talente entdeckt und gefördert werden. So können wir alle durch kleine Schritte die Branche unterstützen, die uns ernährt.

Cornelia Weiss
Wenn man sich bereits in der Entstehungsphase eines Werks frühzeitig vernetzt, kann man das Produkt später wesentlich besser vermarkten. Bei Arthaus/Kinowelt etwa haben wir die Idee der Vernetzung zwischen Verleih und Produktion entwickelt. Da auch der Home-Entertainment-Bereich im Hause war, haben wir auch die Zusammenarbeit zwischen Verleih und Home-Entertainment stärker vernetzt.

Georg Georgi
Natürlich treffen wir uns weiterhin privat, aber alles hat irgendwann ein Ende und es liegen dann nicht noch morgens die Leute in der Wohnung rum. Das ist besser und produktiver.

Cornelia Weiss
In der Tat ist es nicht einfach, optimales Networking zu betreiben, vor allem, wenn sehr viele Menschen und Firmen involviert sind. Es müssen von Anfang an die Kommunikationswege klar definiert werden. Es ist gut, wenn alle Fäden bei einer Firma zusammen laufen. Eine kleine Firma wie unsere hat da große Vorteile, wir bleiben flexibel und müssen keinen großen Apparat am Laufen halten.

Sibylle Kurz
Wir arbeiten mit Geldbeträgen in Millionenhöhe. Selbst wenn wir von Low-Budget-Projekten unter einer Million reden, wenn man das in Vergleich zur Sozialarbeit setzt: Wie viele Kindergärten könnten davon betreut werden? Mit solchen Summen umzugehen, hat auch viel mit Verantwortung zu tun.

Hartmut Bitomsky
Wir brauchen mehr Unterstützung seitens der deutschen Filmbranche. Paradox ist, dass uns viele kleinere Filmproduktionen zur Seite stehen, während sich die großen oft≥ bemerkenswert zurückhalten. Die Einsicht, dass man für das Kino von morgen etwas tun muss, fehlt. Auch von der Berliner Kulturpolitik muss die dffb finanziell besser ausgestattet werden. Eine Filmakademie ist auch eine Arbeit an der Filmkultur in Deutschland und Europa.

Cornelia Weiss
Es gibt ein Missverhältnis zwischen der Förderung der Produktion und der Förderung des Verleihs. Produzenten werden gefördert, gehen also kaum selbst ein Risiko ein. In Deutschland werden auch viel zu viele Filme gemacht, die vollkommen an den Bedürfnissen der Zielgruppe vorbeiproduziert werden. Das ist auch der Grund, warum viele Filme erπ überhaupt nicht ins Kino kommen.

Sibylle Kurz
Ein Film ohne Publikum ist Zelluloid. Das Publikum ist der Markt. Wir schreiben Filme und machen sie für ein Publikum. Dafür muss ich das Publikum, die konkreten Menschen, die dieses Publikum bilden, spüren. Ich muss sie kennenlernen, muss wissen, wie sie funktionieren. Wie oft höre ich den vermessenen Satz, ich schaue nicht mehr Fernsehen, das ist ja nur angepasster Kommerz.

Georg Georgi
Die Schauspieler-Vermittlung für das deutsche Fernsehen ist leider fast zum reinen Gelderwerb verkommen, take it or leave it, so geht da oft die Verhandlung. Inhaltlich finde ich da nicht viel Interessantes und ganz selten Perlen. Ich habe nichts gegen Publikumsschlager, Eventmovies, aber irgendwie interessieren die mich nicht wirklich und auch das ganze Family-Entertainment ist mir ein Graus.

Sibylle Kurz
Da geht man ins Kino und schaut, wer sind die Menschen, die einen bestimmten Film schauen, und wie reagieren sie. Und man prüft, ob die Witze, die Handlung oder die Anekdoten beim Publikum ankommen. Bei Kinderfilm-Vorstellungen ist das ein geradezu großartiges Erlebnis. Wenn ich als Autor im Stübchen sitzen bleibe, dann schreibe ich weltfremd. Das Einfachste und Naheliegendeste ist es doch, raus zu gehen und die Leute zu beobachten und sein Zielpublikum zu fragen, mit den Menschen zu sprechen. Das nenne ich: Den Markt kennen.

Cornelia Weiss
Wir stellen häufig fest, dass Produzenten Schwierigkeiten haben, ihren Film zu positionieren. Produzenten gehen oft jahrelang mit ihrem Film „schwanger“ und verlieren dabei die Distanz zu ihrem Projekt. Das fängt oftmals schon bei der Definition des Genres an, das manchmal wirklich sehr schwierig ist festzulegen – gerade bei anspruchsvollen Filmen, und geht weiter bei der Definition der Zielgruppe. Bei der Definition der Zielgruppe beschränken wir uns nicht nur auf Alter und Geschlecht, sondern nähern uns der Zielgruppe über Affinitäten und Lebenswelten an.

Sibylle Kurz
Ich muss erst mal gucken, wer mit meinem Projekt etwas anfangen kann. Welcher Produzent hat sich auf was spezialisiert? Welcher Sendeplatz nimmt welche Projekte in welchem Bereich? Wenn ich zu einem Kinderfilm-Verlag gehe, und biete dem einen Dokumentarfilm an, dann ist es eigentlich eine Belästigung. Und das passiert, weil sich die Leute nicht vorbereiten und nach dem Gießkannen-Prinzip erstmal an alle verschicken. Das ist etwas, was langfristig gedacht dumm ist, weil die angesprochenen Leute verärgert sind, dass man sich nicht vorbereitet hat. Deshalb haben viele der Entscheider so eine ablehnende Haltung. Da ist viel verbrannte Erde.

Georg Georgi
Das ist so schwierig in Deutschland, dass alle das immer so ernst betreiben wollen. Das ist doch schade, weil wir doch keine Maschinen sind. Vielleicht braucht man zwei Minuten mehr Zeit, aber dafür hat man auch ein bisschen Spaß, Unterhaltung und Entspannung dabei und muss nicht immer nur durchbolzen. Man lebt schließlich nur einmal.

Sibylle Kurz
Bei dieser Arbeit muss man unheimlich viel Leidenschaft und Mut haben, neugierig sein und kreativ. Das ist so ähnlich wie ein neues Land zu erobern. Ohne Mut, Leidenschaft und den Glauben daran geht es nicht.

Georg Georgi
Wichtig ist es, nicht zu verkrampfen, sondern sich auch mal was zu trauen, schließlich kommt hier nicht der Berg zum Propheten. Auch ich selber bin mir da für vieles nicht zu schade und habe Spaß dabei. Zum Beispiel bin vor zwei Jahren in einem Osterhasenkostüm, mit Ostereiern und unserem Katalog auf dem Fahrrad zu einigen Castern gefahren, um denen mal auf andere Art und Weise zu begegnen und die Halbwertzeit des Imperiums und seines Imperators in ihrem Gedächtnis zu verlängern, weil man eben an so’ nen Typ im Hasenkostüm länger denkt, auch auf die Gefahr hin, für sehr crazy gehalten zu werden.
Den Mutigen gehört die Welt, der Rest muss sehen, was übrig bleibt, das will ich ja nicht nur meiner Tochter als Worthülse vorschlaumeiern, das will ich auch leben. Genauso versuche ich mit den Schauspielern auszuloten, was sie bereit sind zu machen, um voran zu kommen. Es ist mir wichtig, dass sie das Ganze als Bühne und auch als Spaß begreifen, nicht bloß als Arbeit, Job und Regelunterwerfung!

Sibylle Kurz
Es hat etwas mit der Haltung zu tun, mit der man an die Sache geht. Man muss nach vorne gucken. Da hat jeder Medien-Pessimismus keinen Zweck. Menschen, die neue Medien furchtbar und gefährlich finden, wie bei der Einführung der Technik der Buchdruckerei oder auch beim Radio, Film, Fernsehen. Solche Stimmen gab es auch beim Video, und jetzt gibt es sie wieder: bei den digitalen Medien. Aber es ist eben nicht so, dass ein neues Medium die Menschheit verdirbt. Solche Neuerungen sollte man, denke ich, immer als Chance sehen.

Georg Georgi
Ein guter Freund sagte mir damals einen wichtigen Satz, eine alte Weisheit: Wo Altes geht, ist Platz für Neues, und das meint den Optimismus und den Glauben an sich selber. Das hat mir damals sehr geholfen, und ich habe das, glaube ich, fast mantramäßig vor mir her gesagt! Seitdem geht es streng bergauf. Wie das manchmal so geht, wenn sich Knoten lösen, die man selber gar nicht als Knoten angesehen hat.

Hartmut Bitomsky
Es passiert immer wieder, dass Talente in der Ausbildung verbogen werden und sich der Knoten, der sich in der Ausbildung gebildet hat, erst Jahre später löst.

Sibylle Kurz
Während ein Lehrer zum Lehren da ist, macht ein Coach seine Schüler darauf aufmerksam, wo Defizite und Stärken sind. Seine Aufgabe ist es, zu sagen, guck dir an, welche Ziele du warum nicht erreicht hast, nimm es an und ändere, was du ändern musst, um deine Ziele zu erreichen. Ein Lehrer hat immer einen bestimmten Lehrplan, der nicht auf das Individuum zugeschnitten ist. Während ein Lehrer einen bestimmten Stoff vermitteln muss, versucht der Coach die individuellen Stärken des Werks und seines Schöpfers herauszuheben. Hilfe zur Selbsthilfe. Das Therapeutische daran ist, sich kennen zu lernen, wo sind Stärken, wo sind Schwächen, sie zu akzeptieren und zu sagen, okay, damit kann ich leben, das will ich auch nicht verändern, oder hier gibt es etwas, wo ich merke, dass es Sinn macht, es zu verändern. Ein Beispiel: Wenn ich als Produzent im internationalen Bereich tätig sein will, aber keinen Bock habe, Englisch zu lernen, weil in der Schule der Englisch-Lehrer so doof war, dann ist das ein Erfolgsverhinderungsprogramm. Da muss ich mich fragen, was will ich, will ich weiter im Trotz eines Vierzehnjährigen verharren und ein Jammertal bevölkern, oder sage ich: Jetzt habe ich die Chance etwas zu verändern.

Hartmut Bitomsky
Natürlich sollen alle Studenten, die bei uns ausgebildet werden, als Profis genau wissen, was sie zu tun haben, wenn sie arbeiten. Eine Filmakademie ist jedoch zugleich ein Ort der geistigen Auseinandersetzung mit der künstlerischen Praxis. Das ist durchaus im Curriculum angelegt. Es sind nicht nur Leute, die in der Praxis arbeiten, die bei uns unterrichten, sondern es gibt auch Leute, die von einem anderen Einfallswinkel her kommen und Dinge unterrichten, die philosophischer und ästhetischer Natur sind.

Georg Georgi
Gleichzeitig suche ich auch Unterhaltung und Spaß, z.B. so Hau-draufs wie Bud Spencer und Terence Hill, Peter Sellers, der bessere Mr. Bean, Dialoge wie bei „Die Zwei“, dieser Achtziger-Kultserie, oder Will Ferrell als Anchormann oder eben Filme wie „Jonathan Dynamite“ oder auch gerne „Netto“ und „Sommer vorm Balkon“, die ein Thema hatten und mich dabei gut unterhalten haben, weil sie respektvoll mit Figuren umgehen, und es dort Raum gibt, über Schwächen zu lachen ohne jemanden auszulachen. Dort gibt es Subtext, der mich auf etwas aufmerksam macht und inspirierend ist.

Hartmut Bitomsky
Wolfgang Petersen, einer der Studenten meines Jahrgangs, hat schon damals respektable Filme gemacht. Seine ersten Filme hatten einen surrealistischen Touch: Ein Polizist, der auf einer Tonne auf einer Kreuzung steht, fängt an, die Autos zu dirigieren, und die müssen quasi Ballet über die Kreuzung tanzen. Nach dem Ende der Ausbildung hat sich das sofort geändert, weil er sein wahres künstlerisches Projekt gefunden hat, und die Perspektive dieses Projekts war Hollywood.

Sibylle Kurz
Beispiel Horrorfilm. Mit Horrorfilmen kann man sehr kalkuliert Geld verdienen, weil die Zielgruppe, die Horrorfilme anguckt, zahlenmäßig recht gut abgegrenzt und erfassbar ist. Ich habe in diesem Segment eine ziemlich homogene Zielgruppe mit sehr typischem Konsumverhalten. Jeder Horrorfilm-Fan guckt sich fast jeden Film an und kauft ihn dann auch noch auf DVD. Die deutliche Zuordnung habe ich bei anderen Filmen nicht so ausgeprägt.

Cornelia Weiss
Wenn ein Film floppt sucht man oftmals den einen Grund. Es gibt aber nie nur einen einzigen Grund – es ist immer ein Mix aus verschiedenen Gründen. Ich wäre vorsichtig mit der Suche nach einem Schuldigen. Es spielen immer mehrere Faktoren eine Rolle.

Sibylle Kurz
Auf Seiten vieler am Markt Beteiligter muss sich die Einstellung ändern, dass das Publikum blöd ist und weiterhin blöd gehalten werden muss durch die Verabreichung von geschmackloser Schonkost. Das Publikum fordert glücklicherweise auch zunehmend intelligente Nahrungszufuhr. Das bedeutet auch, dass man mit einem Quotenmeßinstrument keine Wahrheiten postulieren darf, die dann wiederum zu Programmentscheidungen führen, die vielleicht mehr die nicht-aktiv-Fernsehgeschauten Zeiten reflektieren, mehr die Hintergrund- Berieselungs-Zeiten.

Georg Georgi
Ich bin ständig auf der Suche nach Inspiration. Dabei kann ich nicht nur konsumieren und aufsaugen, das muss auch umgedreht wieder raus, da muss für mich was draus entstehen, so wie Geld im Umlauf bleiben muss und nicht auf Banken gehört, wo es alt, hässlich und fett wird.

Hartmut Bitomsky
Man muss in der Bundesrepublik unterscheiden zwischen staatlicher und privatwirtschaftlicher Förderung. Die staatlichen Förderinstitutionen sind sehr bedeutsam. Wer als Anschubfinanzierung staatliche Förderung hat, hat es viel leichter, auch private Fördermittel zu akquirieren. Das fließt dann viel besser zusammen.

Sibylle Kurz
Bei VCL haben wir große, kommerzielle Filme wie „Terminator“ oder „Basic Instinct“ eingekauft, und mit deren Umsatz wiederum kleinere europäische Arthaus- Filme finanziert. Unser, sagen wir mal, Mission Statement war, wir wollen etwas für den Europäischen Film tun und dabei auch Geld verdienen. Diese beiden Komponenten Kunst, Kultur und Geld haben sich in meinem Kopf nie gegenseitig ausgeschlossen.
Zugegeben kein einfaches Unterfangen, aber wichtig, um der europäischen Filmwirtschaft eine Überlebenschance zu geben.

Hartmut Bitomsky
Ohne Sponsoring und Förderung könnten wir an der dffb gar nicht arbeiten.

Sibylle Kurz
Ich kenne genügend Autoren, die sich im ersten Schritt nicht künstlerisch verwirklichen wollen, sondern die erstmal schreiben, um Geld zu verdienen und Routine zu generieren. Ich finde es absolut okay, weil es dabei um das Aufrechterhalten von Existenzen und Schaffenskraft≥geht. So kann ich auch gezielt Aufmerksamkeit kreieren, um zu gegebener Zeit meine Herzens-Projekte zu unterstützen und zu platzieren.

Hartmut Bitomsky
Ich wünsche mir von meinen Studenten mehr Mut. Vor allem: „politischer“ Film allein besagt ja noch nichts. Es ist ein Eigenschaftswort, und das kann man austauschen nach Belieben, weil es ein Ornament ist. Spannend wird es danach. Da ginge es zur Sache. Es traut sich nur keiner, heute Filme zu machen, die zur Sache gehen.

Georg Georgi
Wir sollten wieder mit Tomaten und Eiern werfen dürfen, wenn uns Schrott vorgesetzt wird.

Hartmut Bitomsky
Ein neues Oberhausener Manifest kann man nicht einfordern. Es geschieht, wenn es an der Zeit ist. Es braucht Triebkräfte und ein Momentum. Zeit wäre es aber schon.

Robert Defcon & Anne Khan, 2008-09-05

Erschienen in The Second Issue

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