Interview

Hans-Christian Schmid

Hans-Christian Schmid studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Seit seinem Spielfilmdebüt »Nach Fünf im Urwald« arbeitet er ausschließlich mit der Münchener Produktionsfirma Clausen+Wöbke zusammen. Seit 1995 entstanden aus dieser Zusammenarbeit Filme wie »23« (1998), »Crazy« (2000) oder »Lichter« (2003). Allen gemeinsam sind die kleinen und großen menschlichen Tragödien, mit denen Schmid sein unglaubliches Gespür für Stimmungen und authentische Charaktere zeigt.

Im April 2004 startet Schmid eine zusätzliche Karriere als Produzent und gründet in Berlin die 23|5 Filmproduktion. Doch auch hier setzt er die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Claussen+Wöbke fort: Jakob Claussen und Thomas Wöbke sind neben Uli Pütz Mitgesellschafter von 23|5. Seit August 2005 ist Britta Knöller, die zuletzt für X-Filme als Produktionsassistentin arbeitete, als zweite Produzentin bei 23|5. Marco Frenzel traf Hans-Christian Schmid in seinem Kreuzberger Büro am Viktoriapark.

Sie haben lange in München gearbeitet und sind dann nach Berlin gezogen. Wie war Ihr Eindruck von der Berliner Filmszene?

Sehr lebendig und vielfältig. Viele junge Autoren, Regisseure, Produzenten, die hier ihre Filme machen wollen. Man redet miteinander, es gibt so etwas wie die Film-Lounge, ein offenes Forum, und man kommt da schnell ins Gespräch mit anderen Filmschaffenden. In diesem Bereich gibt es deutlich mehr Aktivitäten, die in den letzten Jahren von Berlin ausgingen. Damit sind natürlich auch die Mittel, die die Förderung zu vergeben hat, ziemlich umkämpft.

War es eine bewusste Entscheidung, nach Berlin zu gehen?

Mehr oder weniger. Ich bin vor fünf Jahren nach Berlin gezogen, ganz einfach, weil mich die Stadt interessiert hat. Ich wollte sie mir mal über einen längeren Zeitraum ansehen und nicht nur immer als Besucher hier sein.

Welchen Anlass gab es für Sie, Ihre eigene Filmproduktionsfirma 23|5 zu gründen und nun neben Ihrer Tätigkeit als Regisseur auch Produzent zu sein?

Der Kontakt zu Claussen+Wöbke in München hat zwar nach meinem Umzug angehalten und wir haben »Lichter« zusammen gedreht, aber auf Dauer wollte ich auch hier in Berlin eine „Familie”, ein Umfeld von Leuten, mit denen ich mir vorstellen konnte, an gemeinsamen Projekten zu arbeiten. Und ich wollte nicht nur immer Autor und Regisseur meiner eigenen Stoffe sein, sondern mich mehr öffnen und Kontakte knüpfen.

Als Produzent erweitert sich der Einflussbereich erheblich. War es Ihnen wichtig, mehr Freiheit und mehr Verantwortung zu haben?

Ich scheue die Verantwortung nicht. Die hatte ich ja auch schon vorher für mein Team während der Dreharbeiten. Und ob die Freiheit als Produzent zunimmt, da bin ich mir gar nicht so sicher. Im Grunde beschäftige ich mich nach wie vor mit den gleichen Dingen: ich versuche einen guten Stoff zu finden, ein Drehbuch zu entwickeln und daraus den Film zu machen, den ich oder der Autor sich vorgestellt haben. Hinzugekommen ist der Aufgabenbereich der Finanzierung.

Sie sind nicht vom Produzentenfach. Wie sind Sie an die Aufgabe herangegangen?

Ich habe mich in Berlin bei befreundeten Produzenten wie Peter Rommel oder Karsten Aurich umgehört. Welche Rechtsform haben Produktionsfirmen, wie viele Personen sind da beschäftigt, wie groß oder klein kann eine Firma sein, worauf muss man achten?

Und was ist Ihnen wichtig, was wollen Sie anders machen?

Die sorgfältige Stoffentwicklung ist für mich das Wichtigste. Ich glaube, dass manchen Produzenten durch das Alltagsgeschäft ganz einfach die Zeit und die Ruhe fehlt, um sich intensiv um die Drehbuchentwicklung kümmern zu können. Diese Zeit versuche ich mir ganz einfach zu nehmen. Die Arbeit am Drehbuch hört auch nicht in dem Moment auf, an dem die Finanzierung abgeschlossen ist – sie geht weiter bis zum Drehbeginn.

Was treibt Sie an, wenn Sie einen Stoff entwickeln?

Grundlage für die Entwicklung eines Stoffes ist meist eine persönliche Haltung, die man zu einem bestimmten Thema hat. Bei »Lichter« war es so, dass ich schon lange eine Geschichte über die Ignoranz von reichen Menschen, die sich über das Schicksal von armen Menschen hinwegsetzen, machen wollte. Wenn ich dann einen Artikel über Schlepperbanden lese, kann daraus eine Idee zu einem Film werden.

In zwei Projekten haben Sie sich mit polnischen Geschichten beschäftigt; Polen scheint Sie zu interessieren.

Ja, das hat angefangen mit Michael Gutmanns Film »Herz Im Kopf« (2001), wo ich Co-Autor war, und in dem es um ein polnisches Au-Pair-Mädchen geht. Bei der Recherche taucht man dann in so eine Welt ein und lernt die Zusammenhänge kennen. Michael drehte dann noch den Dokumentarfilm »Familienreise« (2004) in Schlesien, da war ich als Kameramann dabei, und Michael und ich begann mit »Lichter« weiter an dem Thema zu arbeiten.

Robert Thalheims zweiter Film »Am Ende Kommen Touristen« wird der erste Film eines anderen Regisseurs ein, den Sie produzieren. Auch er spielt in Polen. Kamen Sie über das Thema zusammen?

Es ist meistens eine ganze Verkettung von Umständen, die zu einer Zusammenarbeit führt. Als wir an »Lichter« arbeiteten, erfuhren wir von seinem Kurzfilm »Granica« (»Grenze«), der ebenfalls in Frankfurt/Oder spielte. Ich hatte keinen Kontakt zu ihm, doch zwei Jahre später traf ich Robert Thalheim in einem polnischen Kino. Wir kamen ins Gespräch, er erzählte, dass er einen Produzenten für seinen nächsten Film suchte und wir meinten, dass wir Filme produzieren wollen. Er schickte uns sein Treatment und wir mochten die Geschichte. Wir haben dann ein Jahr lang gemeinsam mit Robert an der Buchentwicklung gearbeitet. Das war ein sehr anstrengender Prozess für beide Seiten. Robert ist kein erfahrener Drehbuchautor und hat bei »Netto« (2004) eher intuitiv gearbeitet. Doch was er jetzt erzählen will, ist wesentlich komplexer. Für uns war eine gute Struktur daher sehr wichtig, und so haben wir Robert schließlich einen Co-Autor zur Seite gestellt. Obwohl wir gern schon letztes Jahr gedreht hätten und auch schon teilweise gefördert waren, haben wir uns die Zeit genommen, das Buch noch einmal zu überarbeiten. Jetzt gilt es, die Finanzierung zu schließen und die Dreharbeiten vorzubereiten, so dass wir im Juli oder August in Polen drehen können.

Ihr neuer Film »Requiem« fußt auf der Geschichte von Anneliese Michel, um die es auch in »Der Exorzismus von Emily Rose« geht. Wussten Sie, dass man in Hollywood am gleichen Thema dran war?

Auch in »Die Mechanik des Wunders« und »Himmel und Hölle« haben mich Themen beschäftigt, die im weitesten Sinn mit Glaubensfragen und Fundamentalismus zu tun haben – und die Idee zu »Requiem« liegt schon fast ein Jahrzehnt zurück. Wir verfolgten den Entwicklungsprozess aufmerksam: was machen die, was könnte das für ein Film werden. Ich weiß nicht, ob uns die Aufmerksamkeit für Emily Rose nutzt oder schadet. Am meisten Sorgen hat mir gemacht, dass der Film einen so guten Start in den USA hatte. Da wusste ich, dass er uns noch eine Weile beschäftigen würde.

Dorothee Fesel, 2006-02-01

Erschienen in The First Issue

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