Interview

Judy Tossell

Judy Tossell

Am 1. Mai 1989 zieht Judy Tossell aus England nach Berlin, um einen Sommer lang Deutsch zu lernen. Sie bleibt. Mittlerweile spricht sie perfekt Deutsch. 1996 gründete die in Wiltshire/England geborene Produzentin ihre Firma Tossell Pictures, die 2001 mit Jens Meurers Firma Egoli Film fusionierte. Sie produzierte Filme wie »Almost Heaven« (2005), »Nimm dir dein Leben« (2005), »Georgisches Liebeslied« (2005), »Mouth to Mouth« (2004), »Mutanten« (2002), »Große Mädchen weinen nicht« (2002) und »England!« (2000). Im April läuft »FC Venus – Frauen am Ball« an, bei dem sie als Co-Produzentin beteiligt ist. Judy Tossell ist auch Geschäftsführerin von Timebandits, einem zusammen mit Wüste Film Hamburg und den Berliner Hackeschen Höfe Kinos gegründeten Filmverleih. Wir trafen Judy in ihrem offenen, zweistöckigen Loftbüro in Berlin-Mitte.

Judy, Sie kommen aus England, haben 1989 noch die letzten Monate Westberlin erlebt – um dann den Osten zu entdecken. Welche Orte wecken Erinnerungen bei Ihnen?

Wenn ich an meine ersten Jahre in Berlin denke, fallen mir als erstes Plätze in Westberlin ein – das Goethe-Institut in der Hardenbergstraße, das Schwarze Café in der Kantstraße, schließlich der Checkpoint Charlie, weil ich als Ausländer nur dort die Grenze passieren durfte. Nach dem Mauerfall dann unsere ersten Büros in der Schönhauser Allee und in der Friedrichstraße. Dann fällt mir auch noch das Kino Babylon in Mitte ein. Als es 1990 geschlossen werden sollte, habe ich einen Artikel für den Ex-Berliner geschrieben. Da reinzugehen war für mich ein echtes Berlin-Erlebnis. Das war ein architektonischer Schatz aus den zwanziger Jahren, der in der DDR nie saniert worden ist und zum Schluss ziemlich verfallen war. Dass es das Kino heute noch gibt, freut mich sehr.

Wie war Ihr erster Tag in Berlin?

Das war der 1. Mai 1989, und ich wusste nicht, dass der erste Mai ein Feiertag in Deutschland ist. Es war ein unglaublich schöner, sonniger Frühlingstag – und ich habe mich sofort in die Stadt verliebt.

Warum sind Sie nach Berlin gekommen?

Ich hatte einen deutschen Freund und dachte, es könne nicht schaden Deutsch zu lernen. Meine Schwester war damals auch noch Stewardess bei British Airways und hat mir Berlin sehr empfohlen. So habe ich dann im Sommer 1989 am Goethe-Institut zwei Monate Deutsch gelernt und in Friedenau gewohnt. Nach den zwei Monaten bin ich dann einfach weiter in der Stadt geblieben und habe gejobbt.

Hatten Sie schon Freunde, denen Sie in die Stadt folgten?

Nein, Westberlin war einfach eine Stadt, die ich schon immer faszinierend fand. Ich kannte aber niemanden. Als ich kam, war eine Veränderung im Osten noch nicht wirklich zu spüren, aber im Sommer wurde es dann so richtig spannend. Dann kam der Mauerfall, und ich habe mich entschieden, in der Stadt zu bleiben. Das ist jetzt schon 17 Jahre her – eigentlich bin ich jetzt Berlinerin, oder? Aus Friedenau bin ich dann nach Neukölln gezogen, ins spannende Neukölln. Damals gab es doch diesen Artikel im Spiegel, wo vor dem Rathaus Leute für Neukölln als tollen Bezirk demonstriert haben! Naja, ich wohnte de facto fast am Hermannplatz. Eine ziemlich heftige Gegend.

Wie kamen Sie zum Film?

Am Anfang hatte ich mit der Filmbranche hier nicht soviel zu tun. Ich habe mich überall in den Medien beworben, ohne eine genaue Vorstellung zu haben, was mich dort erwarten würde. Schließlich habe ich ein Praktikum bei Regina Ziegler angefangen, bei der ich dann fünf Jahre gearbeitet habe. Während dieser Zeit habe ich dann angefangen, bei Kurzfilmen von Freunden mitzuhelfen. So ging es bis 1995 weiter, bis ich mich schließlich selbständig gemacht habe.

Sie haben Ost- und Westberlin in den frühen Neunzigern erlebt. Wie haben sich die beiden Filmszenen aus Ost und West gemischt?

So um 1991 fing es an, dass einige Westler an die Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam gingen. In den frühzen Neunzigern lebte mein Freund in Ostberlin, genauer gesagt: in Prenzlauer Berg, mit einem Kameramann, der in Potsdam studierte. So bekam ich erste Kontakte zur HFF. Es waren aufregende Zeiten. Alle kamen nach Ostberlin, obwohl ich zugeben muss, dass wir damals vor allem mit Westdeutschen beziehungsweise Westeuropäern zu tun hatten. Gleichzeitig bekam ich durch meine Arbeit bei Ziegler natürlich weitere Kontakte. Da habe ich von der Aufnahmeleiterin bis zur persönlichen Assistentin alles gemacht.

Was waren Ihre ersten Schritte, als Sie sich selbständig gemacht hatten?

1996 habe ich meine Firma Tossell Pictures gegründet. Wir hatten unser erstes eigenes Büro in Prenzlauer Berg, da haben wir auch gewohnt. Mein erster Kurzfilm als unabhängige Produzentin, »Chainsmoker« von Maria von Heland, war 1997 ein echter Berlin-Film: Wir haben in fünf Nächten in Ostberlin gefilmt und haben alle ohne irgendeinen Pfennig gearbeitet. Das war alles sehr improvisiert, typisch Berlin.

Ein typischer Berlin-Film? Das hört sich ja nach langen, kalten Nächten und Kohleofen an…

Ja, es war Winter. Es war arschkalt, und bis auf den Anfang der Geschichte spielte natürlich alles draußen oder in kalten Treppenhäusern von verlassenen Gebäuden. Wir hatten natürlich kein Geld für Aufenthaltsbusse oder ähnliches. Wir hatten auch kein richtiges Catering. Obwohl, eigentlich schon: Wir hatten Freunden ein kleines Budget gegeben, damit sie für uns etwas kochen konnten. Das war vermutlich das beste Essen, das wir je bei einem Dreh hatten.

Wo kam das ganze Filmmaterial her?

Wir haben ziemlich gebettelt bei allen, die ich von meiner Zeit bei Ziegler-Film kannte und bei denen, wo man wirklich Geld lassen muss: beim Kopierwerk oder dem Kameraverleih. Ganz umsonst ging’s nun einmal doch nicht…

Das Team musste dann wahrscheinlich auch noch die eigenen Wohnungen zur Verfügung stellen?

Ja, wir hatten zwei Wohnungen: Die von der Szenenbildnerin in der Greifswalder Straße und die Wohnung von der Regisseurin. Wir drehten dann auch noch im Hof von unserem Büro in der Schönhauer Allee 74a. Das war ein sehr schöner Eingang zu einem alten Orgelbauergeschäft, das schon geschlossen war. Das hat sich mittlerweile sehr verändert, man schaut jetzt direkt auf die hässlichen Schönhauser Arkaden.

Wie haben Sie den Film realisieren können?

Das einzige was wir damals hatten – politisch nicht ganz korrekt – war ein Zigarettensponsoring. Der Film hieß »Chainsmoker« und handelte von einer Frau, die mitten in der Nacht Zigaretten kaufen gehen will – und alles geht schief. Wir brauchten also ganz viele Zigaretten und einen vietnamesischen Zigarettenverkäufer. Wir hatten ein Sponsoring und damit Zigaretten, mit denen wir die Leute bezahlen konnten. Das war unsere einzige Währung – und unser Beste-chungsmittel: die Beleuchter haben eine Stange Zigaretten bekommen, genauso die verschiedenen Hausmeister, nur das Kopierwerk wollte bei dem Deal nicht mitmachen.

Wie entwickelten sich aus diesen ersten Verbindungen die späteren Strukturen?

Es hat sich sehr schnell eine Art Familie gebildet, mit der ich Ideen entwicklelt habe. Das ging von der HFF und dann auch vor allem von der DFFB aus, wo wir Nachwuchsproduzenten alle im gleichen Wasser fischten. Wir suchten junge Filmemacher, mit denen wir kleine Fernsehspiele, Abschluss- oder Debütfilme produzieren konnten. Wir haben viele andere Produzenten bei den Redaktionssichtungen in der Deutschen Film- und Fernsehakademie (Dffb) kennen gelernt – darunter Moneypenny, Schramm Film, Zero Film und viele andere mehr.

Was war der erste Langfilm?

Mein erster Langfilm war 1999 »England!« von Achim von Borries. Zur gleichen Zeit produzierten auch Moneypenny ihren ersten Langfilm, »Fremde Freundin« von Anne Hoegh Krohn, das war ebenfalls eine Dffb-Studentin.

Wenn Sie die Vernetzung von Anfang der Neunziger mit der von heute vergleichen, was hat sich da geändert?

Die meisten guten Leuten, mit denen wir arbeiten, leben inzwischen in Berlin. Wir drehen demnächst mit Sandra Nettelbeck – die wohnt auch hier. Der Kameramann ebenso. Jetzt gerade drehen wir in Spanien; das Buch ist von Heike Makatsch und Johanna Adorján, die wohnen ebenfalls beide um die Ecke. Es ist ganz einfach sich zu treffen, weil alle dicht zusammen leben. Inzwischen ist die Stadt seit Jahren ein Magnet, so viele Leute haben sich hier versammelt. In unserem Stammlokal sind viele Filmleute, mit denen wir zwar nicht unmittelbar zusammenarbeiten, aber man kennt sich irgendwie, das gefällt mir sehr.

Können Sie das mit Soho vergleichen? Wie ist das dort?

In London ist die Filmbranche auf Soho konzentriert: Du gehst zum Mittagessen aus dem Büro und triffst alle. In Deutschland war die Szene lange sehr verstreut, aber inzwischen ist das in Berlin-Mitte ein wenig wie in Soho. Berlin hat mittlerweile auch dieses Flair und außerdem den Vorteil, dass das Leben noczh bezahlbar ist.

Wäre Soho eine Alternative für Sie?

Nein, in London möchte ich nicht leben und schon gar nicht arbeiten. Die wunderschönen Büroräume, die wir hier haben, könnten wir uns nirgendwo anders leisten, in München nicht und erst recht nicht in London. Die Lebensqualität in Berlin ist in jeder Hinsicht besser als in allen anderen interessanten Städten in Europa.

Wie ist der Kontakt unter Produzenten heute in Berlin? Freundschaftlich?

Wir haben untereinander immer einen sehr guten Kontakt gepflegt. Aus diesen Kontakten ist in der Zwischenzeit die Gruppe der unabhängigen Produzenten entstanden, die gibt es jetzt seit zwei Jahren. Das ist ganz bewusst kein Verband. Wir gehören weder zu Film20 noch zum Spielfilmverband. Wir haben uns als Gruppe mit ähnlichen Interessen zusammengetan und treffen uns regelmäßig. Wir geben zwar manchmal Presseerklärungen heraus, aber das meiste ist Lobbyarbeit, die eher hinter den Kulissen stattfindet.

Wie hat sich der Aufstieg Berlins zur Regierungsstadt auf die Lobbyarbeit im Filmbereich ausgewirkt?

Die Entscheidungen fallen jetzt viel näher, nicht mehr irgendwo in Westdeutschland. Vielleicht hätten wir uns auch schon vor zehn Jahren mehr um die Politik kümmern müssen, aber so etwas lernt man erst aus der Erfahrung. Ich merkte erst langsam, dass ich nicht die allein kämpfende Produzentin bin. Ich selbst bin verantwortlich dafür, in welcher medienpolitischen Landschaft ich arbeite. Wir müssen die Bedingungen für unsere Arbeit verbessern, und nicht warten und hoffen, dass andere das für uns tun.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Zum Glück hat Tossell Pictures 2001 mit Egoli Films, Jens Meurer, fusioniert, der ein sehr geschickter Lobbyist ist. Meurer hat uns Produzenten im vergangenen Jahr vertreten, als eine Arbeitsgruppe im Kanzleramt neue Filmfinanzierungsmodelle diskutierte. Leider ist Lobbyarbeit ein Full-Time-Job, den man als Produzent eigentlich nicht nebenbei machen kann.

Wenn man sich umhört, beklagen sich alle, dass es immer schwieriger wird, Filme in Deutschland zu drehen. Stimmt das?

Du kannst fast keinen Film mehr ohne einen Sender drehen, aber es ist inzwischen auch fast unmöglich, mit nur einem Sender einen Film zu machen, weil der Finanzierungsrahmen so klein geworden ist. Früher gab es eigene Sendeplätze für deutsche Spielfilme – das wurde gefördert. Heute setzen die Sender immer mehr auf Billigproduktionen. Der Topf für Kinofilme wird kleiner – und damit leider auch die Möglichkeiten.

Was ist zu tun?

Man muss sich um andere Finanzierungsmodelle kümmern. Gerade wurden die Filmfonds gestrichen, was für deutsche Produktionen an sich nicht schlecht ist, weil – wie alle wissen – der Großteil des Geldes in Hollywood-Produktionen gesteckt wurde und deutschen Produzenten nicht geholfen hat. Aber dieses Modell muss natürlich durch ein besseres ersetzt werden. Diese Suche nach neuen Finanzierungsmodellen macht einen Teil unserer täglichen Arbeit aus.

Sollten Produzenten mehr von der Auswertung profitieren?

Das Überleben als Produktionsfirma wird immer schwieriger. Man muss sich Rechte sichern und an der Auswertung der Filme partizipieren. Das ist natürlich viel einfacher, wenn man die Auswertung selber kontrolliert oder zumindest an der Kontrolle beteiligt ist. Das ist die Zukunft. X-Filme macht es vor.

Wenn die Finanzierung in Deutschland so schwer ist: Wie attraktiv sind internationale Co-Produktionen?

Wir setzen seit langem auf internationale Co-Produktionen. Fast alle unsere Filme sind in Co-Produktion entstanden. Aber das ist keine Patentlösung. Man muss ja trotzdem den Finanzierungsanteil aus Deutschland aufbringen.

Mit dem Fall der Mauer hat Berlin in Babelsberg ein riesiges Filmstudio bekommen. Wie ist das Zusammenspiel von Produktionsort Berlin und dem Studio?

Wir haben gerade mit Paul Verhoeven »Black Book« in Babelsberg gedreht. Das ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie das Zusammenspiel optimal funktionieren kann. Bei »Black Book« handelt es sich um eine deutsch-holländische Co-Produktion mit einem erheblichen deutschen Anteil an der Finanzierung: Fördergelder vom Medienboard und der Filmförderungsanstalt und in diesem Falle auch ein Fonds und eine Beteiligung seitens des Studios. Das war natürlich auch für die Holländer sehr attraktiv. Außerdem ist Berlin als Stadt attraktiv. Wenn man einen Filmproduzenten vor die Wahl stellt, willst du in Berlin drehen oder in Rumänien, würde jeder nach Berlin kommen. Berlin hat immer noch einen Klang, der sehr anzieht.

Was fasziniert Ausländer so an Berlin?

Dahinter steckt eine gewisse historische Romantik. Das Berlin der zwanziger Jahre, das Nachkriegs-Berlin, die Luftbrücke, die Mauer, Kennedy, der Fall der Mauer. Das sind Momente, die auch unser Leben sehr geprägt haben, gekoppelt mit dem Bild vom Vorkriegs-Berlin, das nach wie vor ein sehr modernes, sehr lebendiges ist. Das ist das Bild, das jeder von Berlin hat. Ich spreche natürlich als Engländerin. Aber das gleiche sagen die Spanier und Franzosen, die ich kenne. Als Filmstadt hat Berlin natürlich ebenfalls eine besondere Geschichte, das kommt zu all dem noch hinzu. Und es ist ein Superstandort, wenn man, wie wir, viel in Osteuropa macht.

Sprechen auch harte Fakten für Berlin?

Klar, Berlin liegt einfach ein Stück weiter westlich als andere, konkurrierende Produktionsstandorte in Europa. Es ist einfacher zu erreichen, und es gibt mehr Finanzierungsmöglichkeiten, was besonders für europäische Co-Produktionen attraktiv ist. Außerdem ist es für unsere Partner ein Stück kontrollierbarer, wenn wir als Co-Produzent mit einem Studio produzieren, weil da kein Dritter im Bunde ist. Wir sind Co-Produzenten, kontrollieren direkt und führen auch aus.

Berlin schmückt sich gerne mit der Behauptung, Drehscheibe zum Osten zu sein. Wie sieht das im Filmbereich aus?

Als wir noch ein bisschen jünger waren, sind wir ein paar Mal mit unserem Strichachter von Berlin nach St. Petersburg gefahren. Das ist weit, aber es geht. Jens Meurer hat ja mehrere Dokumentarfilme über das Ende der Sowjetunion gedreht und dadurch gute Kontakte zu Studios in St. Petersburg aufgebaut. So ist auch die Kooperation mit der Eremitage in St. Petersburg zustande gekommen, wo wir 2001 »Russian Ark« gedreht haben. Das sind dann ganz konkrete Verbindungen, die individuell im Laufe der Jahre aufgebaut wurden.

In Osteuropa gibt es noch nicht so viel filmische Konkurrenz?

Nicht alle wissen, was man da machen kann. Und wie man das finanzieren kann. Einige haben ein bisschen Angst vor dem Osten. Oder sie sprechen kein Russisch.

Wie geht es für Sie mit Berlin weiter?

Das gefühlte Alter von meinem Berlin zählt ab 1989. Ds waren die ersten Jahre unglaublich aufregend. Aber das lässt natürlich nach. Die improvisierten Underground-Clubs, aber auch die besetzten Häuser gibt es kaum mehr. Aber zum Glück werden wir mit der Stadt auch älter, und der eigene Bedarf nach Aufregung wächst nicht mehr mit. Berlin wird etablierter und auch ein bisschen konservativer, bleibt dabei aber kosmopolitisch und offen. Es wird und muss der Stadt finanziell besser gehen, so dass wir mehr Möglichkeiten haben, große Produktionen nach Berlin zu holen und das riesige Potential, das hier schlummert, richtig freizusetzen.

Simon Chappuzeau, 2006-02-01

Erschienen in The First Issue

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