Interview

Stefan Arndt

Stefan Arndt

Stefan Arndt steht für eine der Erfolgsgeschichten des neuen deutschen Films. Eine kleine Berliner Filmklitsche verwandelte er mit internationalen Filmerfolgen wie „Lola rennt“ (Regie: Tom Tykwer) und „Goodbye, Lenin“ (Regie: Wolfgang Becker) in Deutschlands zweitgrößte Produktionsfirma. Heute residiert seine Firma X Filme in einer üppigen, großbürgerlichen Villa im West-Berliner Zentrum. Vom Kronleuchter-Foyer führt ein roter Teppich in Stefan Arndts zentral gelegenes, großzügiges Büro im ersten Stock. Ein Arsenal von achtzig Euro IKEA-Tischen setzt als Meeting-Zentrum einen schwedischen Kontrast. Arndt sitzt direkt neben dem Fenster am Laptop, beantwortet Emails, schaut auf und begrüßt uns herzlich.

Herr Arndt, 1994 gründen Sie gemeinsam mit Wolfgang Becker, Tom Tykwer und Dani Levy X Filme. In kürzester Zeit stand die Firma im Zentrum medialer Aufmerksamkeit.

Wir hatten viel Glück. Nach der Gründung von X Filme gab es eine kleine Pressemitteilung, die ein Freund verfasste. Der Kopierer, mit dem der Text kopiert wurde, ging zwar schon nach 20 Kopien kaputt, aber das reichte aus für einen irrsinnigen Presserummel. Ein etwas überzogener Text, wo all das drin steht, was noch immer über uns gesagt wird, vier Jungs, ein bisschen wie United Artists. Es bleibt bis heute schwer, gegen diesen Männermythos anzugehen: Vier Jungs, die wie D’Artagnan und die Musketiere loszogen, um gegen das Übel der Filmwelt anzugehen. Dabei arbeiten heute bei X Filme 60 Prozent Frauen. Doch man stößt das mediale Glück natürlich nicht von der Bettkante, wenn es sich aufdrängt.

Was waren die Ausgangsbedingungen?

Einen nennenswerten deutschen Film gab es nicht. Bis auf den »Tatort« und vergleichbare Formate war zu dieser Zeit kaum deutscher Film im Fernsehen präsent, während im deutschen Kino bestenfalls Otto oder Loriot liefen. Natürlich gab es schöne deutsche Produktionen. So etwas lief in Berliner Filmkunsthäusern, hatte aber kaum Publikum. Rückblickend erscheint es mir wie die Endzeit des reinen Autorenfilms.

Tykwer und Sie waren ja als Kinobetreiber ursprünglich Konkurrenten.

Tom Tykwer saß in Kreuzberg und machte als Programmchef mit drei Kinos nebeneinander ein breit gefächertes Programm. Ich habe als Teil des Sputnik-Kollektivs auch Kinos betrieben. Man hat konkurriert um Presseartikel, konkurriert um Werbeplätze, konkurriert um Filme. Keine Liebe auf den ersten Blick. Besser kennengelernt haben wir uns in Cannes. Und dann gab es zagha≥e Initiativen in Berlin, dass Kinobetreiber eine gemeinsame Kinozeitung machen. So haben wir gemerkt, dass der andere kein böser Mensch ist. Schließlich stellten wir beide etwa gleichzeitig fest, dass das Betreiben von Kinos nicht alles gewesen sein kann, was wir vom Leben erwarten. Wahrscheinlich auch, weil die Filme, die es gab, uns nicht spannend genug waren, weil nichts Revolutionäres los war. Gleichzeitig haben wir im Sputnik-Kollektiv experimentiert, wie man Filme kombinieren, wie man sie gegen den Strich bürsten kann. Man muss nicht höflich sein zu Filmen.

So entstand 1992 die erste gemeinsame Produktion.

Wir sagten uns: Wir müssen etwas Eigenes machen. Tom hatte die Idee mit der »Tödlichen Maria«, und wir beide redeten uns ein, dass das genau das ist, was die Welt braucht: Eine Frau, Mitte Ende 30, total depressiv, hängt im Hinterhof rum, ihr Typ behandelt sie schlecht, und ihr Vater hat sie auch schon schlecht behandelt. Und dann tut sie etwas Magisches und tötet den Mann, in den sie sich verliebt hat. Und das sollte dann die Welt interessieren. Ich dachte beispielsweise: Die Frauen interessiert so etwas, die schauen sich so was an.

Ein Fehlstart?

Nein. Ein Superfilm, gefällt mir immer noch gut. Doch wirtschaftlich war es ein Desaster. Es war uns klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Also fragten wir uns, was wir anders machen müssen. Tom und ich kannten uns ja aus, wir wussten – anders als andere Regisseure und Produzenten – wie der Kinomarkt funktioniert. Mit X Filme wollten wir einen Weg finden, eine Arbeit, die so frei von äußeren Zwängen wie möglich ist, solide zu finanzieren. Du kannst nicht sagen, weil ich Filme machen will, hat mir das die Welt zu finanzieren. Oder: Film ist Kunst, und deswegen…. Wir wollten zwischen dem Kunst- und dem Kommerzbegriff frei umherschwimmen. Beim Film geht es schließlich um Summen, für die man ein, zwei Eigen­heime in der Vorstadt kaufen könnte. Da muss man den Financiers die Frage be­ant­worten können: Wie bringe ich mit meinem Film dieses Geld zurück? Wir setzten daher von vorneherein auf Erfolg, sowohl im deutschen Kino wie im Ausland, weil wir wussten, dass die Umsätze in Deutschland nicht ausreichen würden. Das ist ein internationales Denken.

Wann war der Moment, an dem Sie dachten: Jetzt haben wir es geschafft?

Den Moment gab es nicht. Klar, die Dinge haben sich geändert. Aber es ist nicht gerade so, dass wir in einem Umfeld arbeiten, in dem man sich will­kommen oder wohl behütet vorkommt. Es ist ein brutaler Kampf. Jeden Tag.

Hat der Erfolg Sie mit der Zeit verändert?

Das müssen Sie meine Mutter fragen. Wenn es nach mir ginge, hätte ich ein kleines Büro ganz da hinten, viel schöner, ein Blick ins Grüne, näher an den Mitarbeitern. Aber mein Job ist die Geschä≥sleitung. Das erfüllt man, aber das macht einen nicht größer, glücklicher oder stärker. Auch nicht schöner oder so. (lacht)

X Filme dreht mit allen Größen des deutschen Kinos: Jürgen Vogel, Franka Potente, Benno Fürmann, Katja Riemann, Moritz Bleibtreu, Daniel Brühl…

Mit vielen davon haben wir schon zusammen gearbeitet, als sie noch niemand kannte, zumindest waren sie nicht so bekannt wie jetzt, und wir werden mit ihnen auch noch arbeiten, wenn sie niemand mehr kennt. Klar war Franka durch »Nach Fünf im Urwald« schon sehr bekannt. Doch die Franka, mit der ich jetzt »Die Tollkirsche« gemacht habe, ist ein Weltstar.

Wie kam es zur ersten Zusammenarbeit mit Potente?

Wir waren bei diesem komischen Bayerischen Filmball, was so eine sehr teure Groß­ver­ansta­tung des deutschen Films in München ist. Ab einer bestimmten Uhrzeit darf man sich frei bewegen. Tom Tykwer und ich spazierten rum, und da begegnete uns eine junge Frau, die ich damals unvorteilhaft gekleidet fand, ein hautfarbenes Kleid, und es stellt sich heraus, dass das Franka Potente ist. Doch dann waren wir fasziniert, und ich wusste sofort, dass das unsere Lola ist.

»Lola rennt« setzte Maßstäbe in Sachen internationaler deutscher Film.

»Lola rennt« war ein Film, der im Ausland noch viel stärker stilbildend gewirkt hat als hier. Das, was Techno für die Musik darstellte, war »Lola rennt« für den Film in den USA. Für viele US-Regisseure markierte »Lola rennt« den Übergang vom klassischen amerikanischen Independent-Film zu einem Film, der in gewisser Weise Frieden mit der Welt macht, aber independent bleibt. Denn die Independent-Fragen werden weiterhin gestellt: Was mache ich wie mit wem, warum, mit wie viel Geld, mit welcher Unabhängigkeit….

»Lola rennt« war der finanzielle Durchbruch von X Filme.

Einerseits ja. Vor »Lola rennt« waren wir fast pleite. Und dann haben wir nicht nur mit dem Film Einnahmen gehabt, sondern zum Beispiel ein Jahr unsere Miete davon gezahlt, dass OB-Tampons die »Lola rennt«-Musik als Werbemusik benutzt haben. Auf der anderen Seite hätte uns der Film fast gekillt. Wir haben nach »Lola rennt« eineinhalb Jahre keinen neuen Film machen können, weil wir den Erfolg betreuen mussten. Zugleich ist das deutsche System der Filmfinanzierung und der Geld-Rückflüsse produzenten­un­freundlich, und es gibt ein starkes Kartell von Rechteverwertern, die das Geld abgreifen und es nicht zum Produzenten kommen lassen.

Deshalb gehen Produktion und Filmverleih bei X Filme Hand in Hand.

In den nächsten Jahren könnte es sogar sein, dass der Verleih durch die Digitalisierung überflüssig wird. Wenn ich meine Filme ins Internet stellen kann, dann erübrigen sich die Zwischenhändler. Auf der anderen Seite kann die Digitalisierung auch als Desaster enden, weil durch die Piraterie die Re-Finanzierungsströme ausbleiben. Aber ich habe gute Ho∏nung, dass wir im Gegensatz zur Musikindustrie die Weichen richtig stellen.

Wie gehen Sie vor, um sich sichtbar zu machen?

Alles außerhalb von Hollywood-Strukturen ist Underdog, Underground. Unsere Budgets sind viel, viel niedriger, unsere Möglichkeiten wesentlich beschränkter. Insofern müssen wir Unikate scha∏en wie »Lola rennt«, so viel Glück haben wie bei »Good Bye, Lenin«….

Das war nicht nur Glück. »Good Bye, Lenin« wurde zwar teils als DDR-Propaganda kritisiert, aber auch als eine neue Form gefeiert, ernste Themen unterhaltsam zu präsentieren.

Meinetwegen Propaganda. Es war wichtig zu dokumentieren, dass das Leben in der DDR vielleicht nicht sehr bunt war, aber lebenswert, und es bestimmte Probleme, mit denen wir noch heute zu kämpfen haben, nicht gab. Die Wiedervereinigung ist eine Geschichtslüge. Bereits das Wort „Wiedervereinigung“ – real war es eine Annexion. Die Chance, Strukturprobleme der Bundesrepublik-West durch Ost-Modelle zu lösen wurde vertan und dem Osten zu immensen Kosten und mit fragwürdigem Erfolg ein bereits marodes System übergestülpt.

X Filme haben einen weiten Weg zurückgelegt – aus einem Abenteuer ist ein erfolgreiches Unternehmen, aus No-Names sind Stars geworden. Tom Tykwer hat es nach Hollywood geschafft. Gerade hat er mit Bernd Eichinger Patrick Süskinds »Das Parfüm« verfilmt. Verliert X Filme eine wichtige Kraft?

Quatsch. Das Leben ist frei, und man muss niemanden irgendwo einsperren. Für »Das Parfüm« hätte ich auch eine Pause bei X Filme gemacht.

Robert Defcon, 2008-06-10

Erschienen in The Second Issue

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